Bundespräsident Joachim Gauck hat die Deutschen aufgerufen, Chancen der Einwanderung zu nutzen und Schwierigkeiten zugleich offen zu diskutieren. "Probleme dürfen nicht verschwiegen werden, weil die falsche Seite applaudieren könnte", sagte Gauck während einer Feier zur Einbürgerung von 23 neuen Bundesbürgern aus mehr als einem Dutzend Herkunftsländer.

Im Schloss Bellevue überreichte er ihnen die Einbürgerungsurkunde sowie eine Ausgabe des Grundgesetzes. Die Feierstunde war Teil der Veranstaltungen zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes, das am 23. Mai 1949 verkündet wurde.

Angesichts der wachsenden Zahl an Zuwanderern mahnte Gauck zu mehr Offenheit und einem gelasseneren Umgang mit den Problemen der Integration. "Inzwischen wächst die Gelassenheit, doppelte Staatsbürgerschaften als selbstverständlich hinzunehmen", sagte Gauck weiter.

"Was deutsch ist, verändert sich"

Gerade weil Deutschland inzwischen unter Industrieländern das zweitbeliebteste Ziel für Zuwanderer sei, sei es "skurril", dass einige immer noch das Bild "eines homogen, abgeschlossenen, gewissermaßen einfarbigen Deutschlands" hätten. Die größere Vielfalt sei durchaus anstrengend, weil immer wieder diskutiert werden müsste, welche Verhaltensweisen und Forderungen man akzeptieren wolle, räumte Gauck ein.

Er verwies auf Debatten über den Bau von Moscheen, das Tragen von Kopftüchern im öffentlichen Dienst oder die Beschneidung junger Juden und Muslime. "In manchen Fragen wird kein Kompromiss alle Beteiligten zufriedenstellen und allen Bedenken Rechnung tragen."

Zugleich plädierte Gauck für die Wahrung eigener kultureller Werte und Traditionen. "Wer vom Bundespräsidenten eine Weihnachtskarte bekommt, wird weiterhin 'Frohe Weihnachten' lesen und nicht etwa 'Seasons greetings'", sagte Gauck. Die Deutschen lernten, eine größere Pluralität zu akzeptieren und als Normalität zu empfinden. "Was deutsch ist, ist nicht leicht zu fassen, und es verändert sich auch", sagte er.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoğuz, lobte Gauck für seine Worte: "Was für eine tolle Geste, was für eine gute Rede!" Besonders beeindruckt sei sie von seinem klarem Bekenntnis zur doppelten Staatsbürgerschaft als Ausdruck der Lebenswirklichkeit einer wachsenden Zahl von Menschen in Deutschland. Sie sei kein notwendiges Übel oder Privileg bestimmter Gruppen. "Damit spricht der Bundespräsident den vielen jungen Erwachsenen aus der Seele, mit denen ich in den letzten Wochen über das Thema Staatsangehörigkeit gesprochen habe", sagt Özoğuz.