Die Ära Meisner in Köln endet mit einem Satz, der zum Skandal wird. "Eine Familie von euch", sagt der Kölner Kardinal am 24. Januar bei einer Veranstaltung des Neokatechumenalen Wegs, "ersetzt mir drei muslimische." Der Satz schafft es bis ins ZDF-"heute journal". Der Zentralrat der Muslime vergleicht Meisner mit Sarrazin. Selbst die Bundesregierung distanziert sich von der "persönlichen Meinung eines katholischen Würdenträgers", die bis heute als Videoschnipsel durchs Netz geistert. Doch wen hat Meisner mit "euch" genau gemeint? Wer oder was ist der Neokatechumenale Weg?

Für einen Journalisten ist es nicht leicht, Antworten darauf zu finden: Der Weg hat keinen Pressesprecher und keine Deutschlandvertretung. Seine Strukturen sind so unbekannt wie seine Rituale. Nicht mal die Wissenschaft hat sich bis heute sonderlich für ihn interessiert, so gibt es nur eine unabhängige Doktorarbeit zu dem Thema. Aus der geht hervor: Abseits der Öffentlichkeit wurde der Neokatechumenale Weg zu einer der einflussreichsten geistlichen Bewegungen des Katholizismus.

Ob Paul VI., Johannes Paul II. oder Benedikt XVI., alle Päpste förderten den Weg, seitdem er in Spanien Mitte der Sechzigerjahre erstmals in Erscheinung trat. Heute ist der Weg mit 20 000 Gemeinschaften in 1300 Bistümern aktiv. 1,5 Millionen Gläubige sollen ihm folgen. Nachdem Johannes Paul II. und Benedikt XVI. ihn kirchenrechtlich institutionalisierten, ist es dem Weg sogar erlaubt, als Laienorganisation eigene Priesterseminare zu betreiben. Rund 100 dieser Seminare gibt es weltweit, zwei davon in Deutschland. Sie sind gut besucht.

Doch es gibt auch eine andere, weniger gloriose Geschichte des Wegs. Sie wird in Internetforen auf der ganzen Welt erzählt. Demnach manipuliert und drangsaliert der Weg seine Mitglieder, beutet sie aus, zwingt sie, "Elitechristen" heranzuzüchten, um so die Kirche zu revolutionieren. Auch wenn diese Berichte im Einzelnen nicht überprüfbar sind, ihre Botschaft ist klar: Der Weg soll etwas sein, was es eigentlich nicht gibt: eine Sekte in der Kirche. 

Welche Christen bringt der Weg hervor?

Was ist dran an den Gerüchten? Welche Christen bringt der Weg hervor? Zwei Monate lang habe ich versucht, das herauszufinden. Dabei bekam ich es mit dem Schweigen zu tun – dem der Anhänger des Wegs, die Transparenz ablehnen, und dem der Aussteiger, die Angst haben. Denn in einer säkularen Welt gehe es gar nicht, wie eine Aussteigerin in einer Mail schreibt, mit so einer "Extremistentruppe" in Verbindung gebracht zu werden.

Dabei begann meine Suche einst mit der Kehrseite des Schweigens, einer langen, Syntax, Logik und Rhetorik ignorierenden Worteruption. Ich war im Internet über das Video der Meisner-Veranstaltung gestolpert. Was der Schnipsel zum Skandalzitat nicht zeigt: Meisner spielt an jenem Abend nur eine Nebenrolle. Die Hauptrede hält ein Mann, der ein Buch präsentiert mit dem sperrigen Titel "Das Kerygma. In den Baracken mit den Armen".

In dem Buch stehen Sätze wie: "Die Dinge müssen so sein, wie ich meine, die Familie, wie ich sage, die Arbeit so, wie ich sage. Die Gemeinschaft, wie ich sage. Alles, wie ich sage!" Oder: "Ich spreche zu euch im Namen des Herrn. Ich bin für euch ein Engel." Und wie er schreibt, so spricht der Mann: schreit, gestikuliert, läuft rot an, wirft die Worte Sünde, Heide, Teufel ins Publikum wie Steine. Und Meisner? Der Kardinal, der sonst nur Gott und Papst über sich duldet, sitzt unten im Parkett und schaut auf. Zu ihm. Zu Kiko.

Der Initiator

Ohne Kiko Argüello geht nichts im Neokatechumenalen Weg. Der 75-Jährige ist der Gründer, der Initiator. Auf der ganzen Welt singen die aus bis zu 40 Gläubigen bestehenden Gemeinschaften seine Lieder. Alle Ikonen in den Kirchenhinterzimmern, in denen der Weg samstagabends Eucharistie feiert, hat er gemalt. Sogar die Klappstühle, auf denen seine Anhänger sitzen, hat er ausgesucht. Kiko ist der oberste Katechist des Wegs. Was er sagt, ist Gesetz, wird verbreitet, verkündet, geglaubt und vor der Öffentlichkeit verborgen. Sein Auftritt am 24. Januar ist also etwas Einmaliges: ein Blick in Kikos Kopf.

Schade nur, dass Kiko an jenem Abend nur das über sich sagt, was eh Legende ist: Demnach ist der junge Kiko im Franco-Spanien ein preisgekrönter Maler. Er führt ein Leben voller Ausschweifungen, aber ohne Sinn. Deshalb will er sich umbringen. Dann erscheint ihm Maria. Mit Gitarre und Bibel zieht Kiko darauf in ein Armenviertel bei Madrid. Dort lebt und singt er, bis sich die Armen um ihn scharen. Die erste Gemeinschaft entsteht.

Auch eine verhinderte Nonne gehört dazu: Carmen Hernández. Sie und Kiko sind das Führungsduo des Wegs. Zusammen ernennen sie die "Familien in Mission". Die ziehen in Länder, in denen der Weg unterrepräsentiert ist. Dort sollen sie mit den Bischöfen Gemeinschaften aufbauen und Katechisten ernennen. Dazu aber brauchen sie Priester, die dem Weg nahestehen. 1988 eröffnete deshalb das erste Priesterseminar des Wegs in Rom.