Begonnen aber hat alles in den Baracken Madrids. Es gibt Fotos aus jener Zeit. Sie zeigen einen dünnen, bärtigen Kiko. Er lebt in einer Hütte, die nur die Liebe Gottes zusammenhält. Für die Armen spielt Kiko auf der Gitarre und singt Lieder von Maria. Er singt sie noch heute, so am 24. Januar in Köln. Mit Musik spricht Kiko Menschen an, die glauben wollen, aber mit Kirche fremdeln. Oft stecken sie wie Kiko als junger Mann in einer Krise und suchen spirituellen Halt ohne allzu viel störende Institution. So wie Agnes Junge.

Die Aussteiger

Agnes Junge war 15 Jahre auf dem Weg. Seit acht Jahren ist sie es nicht mehr. Sie ist die einzige Aussteigerin, die den Mut hatte, sich mit mir zu treffen. Eigentlich heißt Agnes Junge anders. Sie will auch nicht, dass es bekannt wird, wo sie lebt. Als Agnes Junge erstmals vom Weg hört, befindet sie sich, wie sie sagt, in einer Lebenskrise. Als zum Katholizismus konvertierte Protestantin sucht sie Gott.

"Doch der Sonntagsgottesdienst sagte mir nicht viel." Sie spricht mit ihrem Priester. Der meint, es gäbe noch etwas anderes, etwas Neues. Dort singe man während der Eucharistie zur Gitarre, trinke zum Brot auch den Wein und tanze am Ende um den Altar, der inmitten eines kleinen, warmen Raumes stehe und nicht in der kalten, sterilen Kirche.

Sechs Wochen lang besucht Junge den Eröffnungskurs des Wegs. Immer dabei: der Priester und das Katechisten-Team. Am Ende fahren alle in eine Jugendherberge und wählen ein verantwortliches Ehepaar, das den Katechisten vertritt, wenn der herumreist. Die Gemeinschaft ist damit gegründet. Ihr weiterer Weg ist der frühchristlichen Vorbereitung auf die Taufe, dem Katechumenat, nachgebildet und in Entwicklungsstufen mit Übergangsritualen, den Skrutinien, unterteilt.

Wie lange der Weg dauert, ist unklar. Es können Jahrzehnte vergehen, bis eine Gemeinschaft im Jordan ihre Taufe erneuert. Agnes Junge hat dieses Ziel nie erreicht. Sie hat alles verloren auf dem Weg, Freunde, Geld, den Glauben an die Kirche, aber vor allem den Glauben an Kiko, den Sänger der Armen.

Eine Frau erzählt von Teufelsaustreibungen

Seitdem der Weg Ende der Sechziger die Armenviertel Madrids verließ und nach Rom expandierte, reißt die Kritik an ihm nicht ab. In Spanien haben sich Aussteiger in Internetforen organisiert. In Deutschland ist der "Weg" mit 90 Gemeinschaften, fünf davon in Köln, eher klein. Aber auch hier gibt es Aussteigerberichte. In einem erzählt eine Frau von den bei den Skrutinien stattfindenden Teufelsaustreibungen.

Aus Angst, schreibt die Frau, habe sie sich noch einen Tag später eingekotet: "Und das mit 20 Jahren." Eine Spanierin berichtet: "Ich musste vor der Gemeinschaft stehen, den Rosenkranz in Händen, das Gesicht gen Himmel. Der Katechist verlangte, dass ich dem Teufel entsage. Ich musste es wiederholen. Dann mussten alle aus der Gemeinschaft ihre Meinung über mich sagen, um mich zu demütigen."

Bei den Skrutinien gilt es aber nicht nur, dem Teufel, sondern auch den Götzen abzuschwören. "Ein Götze kann alles sein, was mit Gott konkurriert", sagt Agnes Junge. "Das Auto etwa oder die Schallplattensammlung." Meist jedoch heißt der Götze Mammon. Und dem lässt sich nur mit finanziellen Opfern beikommen. 

Das Konto musste aufgelöst werden

In einem spanischen Forum berichtet eine Frau, wie sie dazu gebracht wurde, ihr Konto aufzulösen. Sie habe deshalb nicht studieren können. In Agnes Junges Gemeinschaft, sagt sie, wurden während des Skrutiniums insgesamt 60.000 Euro gesammelt. Dazu kamen die regelmäßigen Kollekten und der "Zehnte", also zehn Prozent des Bruttolohns, den man ab einer gewissen Stufe an den Weg entrichtet.

Wie viel davon nicht in konkrete Projekte, sondern in den Weg selbst fließt, ist den Gläubigen unbekannt. Sie dürfen auch nicht fragen. Zwar betont der Weg stets die Freiheit des Einzelnen, doch gilt es als ungeschriebenes Gesetz, die Regeln des Wegs zu befolgen, indem man dem Katechisten gehorcht und dessen Entscheidungen nicht in Zweifel zieht. Kiko: "Wo es keinen Gehorsam gegenüber dem Katechisten gibt, gibt es keinen katechumenalen Weg." "Der Katechist hat sehr viel Macht", sagt Agnes Junge.

Diese wächst, je mehr der Einzelne die von Kiko gepredigte "Umkehr" ernst nimmt und sein altes Leben, Freunde, Hobbys, soziales Umfeld, aufgibt. Das gehe schnell. Zweimal in der Woche trifft die Gemeinschaft sich zum Gottesdienst. Der muss vorbereitet sein. Hinzu kommen die Gemeinschaftstage alle sechs Wochen. Davon abgesehen sollen Familien auf dem Weg ihren Glauben zu Hause leben, etwa indem sie die Stundengebete beten, einschließlich der Vigil um drei Uhr nachts. Die wichtigste Pflicht aber heißt: "offen sein für das Leben". Sterilisation, Verhütung und eine Familienplanung unter Ausnutzung der unfruchtbaren Tage seien verboten. 

Druck auf Schwangere

"Eine Frau war schwanger", erinnert sich Junge. "Sie hatte bereits ein Kind durch Fehlgeburt verloren, und es war wahrscheinlich, dass das nächste behindert sein wird." Die Gemeinschaft habe Druck auf die Schwangere ausgeübt, das Kind zu bekommen. Das laufe subtil ab. Jeder Gläubige lege vor der Gemeinschaft Zeugnis ab, wie der Glaube sein Leben verändere. 

So kenne bald jeder die Geheimnisse des anderen. Es entstehe
eine Gruppendynamik, in der jeder seinem Nächsten "helfe", nicht vom Weg abzukommen. "Die Gemeinschaftstage geraten da leicht zu Kreuzverhören." Wer sich denen verweigert, gilt als nicht bereit für die nächste Stufe und muss die Gemeinschaft wechseln. Die Frau jedenfalls habe das Kind bekommen. "Es starb nach der Geburt."

Auch über Eheprobleme ist die Gemeinschaft gut informiert. Oft entstehen sie, wenn ein Partner beim Weg ist und der andere nicht. "Da heißt es, man hat in seinem Missionsauftrag versagt." Es kriseln aber auch Ehen im Weg. Ein Paar, so Junge, wollte sich trennen. Aber Scheidung gehe natürlich gar nicht. Deshalb seien Verwandte angereist und hätten die Kinder unter Druck gesetzt, sich von den vom Weg abgekommenen Eltern loszusagen. So geschah es. Ein zugesagtes Gespräch mit mir sagen die Eltern ab. Immerhin haben sie wieder Kontakt mit den Kindern. Die Enkel dürfen sie immer noch nicht allein sehen.