In Rio de Janeiro hat die Herbstzeit begonnen, das heißt, es wird nicht mehr viel wärmer als 30 Grad. Man sichtet die ersten Stadtbummler mit Skimützen und Handschuhen, und die Strände sind deutlich leerer als noch vor einigen Wochen. "Ins Wasser geht jetzt kaum jemand", sagt Mirian Goldenberg und deutet mit einer ausholenden Bewegung hinaus aufs Meer. "Wir Bewohner von Rio de Janeiro mögen es nicht gerne kalt."

Mirian Goldenberg mag es auch nicht kalt, eigentlich. Sie wandert trotzdem jeden Tag entlang der Strände von Leblon und Ipanema im vornehmen Süden der Stadt, vier Kilometer hin und zurück, durch den Sand oder über die weltberühmte Promenade mit dem schwarz-weiß gemusterten Kopfsteinpflaster. Aus Gesundheitsgründen, sagt sie, als Abhärtungsprogramm bei Wind und Wetter. Ausländische Touristen, ja, die träfe man auch bei diesen unwirtlichen Temperaturen in Badeoutfit am Wellenrand an. Aber Touristen, sagt Goldenberg, machten an den Stränden von Rio de Janeiro ohnehin fast alles falsch.

Goldenberg ist in Rio de Janeiro eine gute Ansprechpartnerin, wenn es um Fragen der Strand-Etikette geht. Sie ist Sozialwissenschaftlerin, Anthropologin, sie lehrt an der Bundesuniversität von Rio de Janeiro und schreibt außerdem eine sehr beliebte Kolumne über Gesellschaft und die Liebe für die Tageszeitung Folha de São Paulo. "Manchmal, wenn ich Ausländer mit Taschen am Strand sehe, denke ich: Wie dumm ist das denn!", sagt Goldenberg. Warum denn dumm? Nehmen Sie denn selber keine Tasche mit? "Nein, keine Tasche, und den Schlüssel lasse ich beim Portier." Weil Sie sonst ausgeraubt würden?" "Sie müssen verstehen, dass ich damit nichts Schlechtes über Rio sagen will. Ich sage, dass man verstehen muss, dass man ausgeraubt wird, wenn man eine Tasche dabei hat. Alles andere ist kulturell ungebildet."

Okay, verstanden. Es soll aber auch nicht ganz ungefährlich sein, völlig ohne Geld herumzulaufen, so wie Mirian Goldenberg es manchmal tut. Einmal ist sie von einer Gruppe neun- bis zehnjähriger Jungs ausgeraubt worden, die mit Messern herumfuchtelten und sagten: "Geld oder wir schlitzen Dich auf!" Das ging am Ende glimpflich aus. Einmal ist Goldenberg von einer Frau mit einer Shampoo-Flasche bedroht worden, die sie wie ein Messer vor sie hielt. "Ich hatte sowieso nichts dabei", sagt Goldenberg. "Aber der Mythos dieser Überfälle ist wohl so groß, dass einige Leute ihr Geld einer Frau mit einer Shampooflasche in der Hand gegeben hätten. Da bekommt die Sache schon fast einen komischen Zug."

Wir stapfen im Augenblick recht zügig die Promenade entlang, denn Goldenberg ist kalt, die Temperatur liegt bloß noch bei etwa 25 Grad. Zum Aufwärmen spielen wir das von ihr erfundene Ratespiel "von hinten am Gang erkennen, wer ein Ausländer ist". Dann wenden wir uns wieder der ernsthaften Strand- und Gesellschaftsforschung zu. Die Forscherin sagt: "Was ich eigentlich erklären möchte, ist, dass ein solcher Stadtstrand kein tropischer Badestrand ist. Er ist eine Welt voller Spannung: Verführung, Freuden und Risiken. Und er ist ein Raum voller Regeln, die befolgt werden wollen, wenn man das Maximum aus ihm herausholen will."

Das klingt anstrengend. Es klingt sogar ein bisschen deutsch. Aber dass es hier viele Regeln gibt, da hat sie völlig recht – Besucher wundern sich darüber jedes Mal. Der klassische Fauxpas ist es, sich auf ein Frotteehandtuch zu setzen: Da wird man gleich zum Gespött. Akzeptabel sind dünne Strandtücher, wie Frauen sie sich früher um die Hüften gebunden haben, oder, für fortgeschrittene Coolness, Klappstühle aus Blech. Man soll keine Farben am Strand tragen, die dort nicht hingehören, zum Beispiel Schwarz, aber das kann sich je nach der Mode wieder ändern. Man soll keine Tropenhüte oder sonstige Expeditionsausrüstung an den Strand nehmen. Oben-Ohne-Baden ist neuerdings eine Mode in Rio de Janeiro, allerdings nur bei den dazu vorgesehenen Parties am Pool, nicht am Strand.