Frage: Sie sind die erste Frau an der Spitze Bethlehems – und das in einem politischen Umfeld, in dem vor allem Männer das Sagen haben. Ist das ein Problem?

Vera Baboun: Sie müssen daran denken, dass ich von allen gewählt wurde: von Christen und Muslimen, Männern und Frauen gleichermaßen. Oft ist es sogar ein Vorteil, dass ich eine Frau bin – vor allem auf internationaler Ebene. Die Menschen begegnen mir äußerst respektvoll. Dennoch muss ich in vielen Fällen kämpfen. Es gibt Leute, die meinen, dass nur Männer Entscheidungen treffen können. Aber das ist deren Problem, nicht meines. Ich glaube an meine Fähigkeiten, ich glaube an die Fähigkeiten der Frauen. Allerdings sind in Palästina nach wie vor nur neun Prozent der Entscheidungsträger weiblich. Immerhin: Der Anfang ist gemacht …

Frage: Am Sonntag, dem 25. Mai, wird Papst Franziskus nach Bethlehem kommen. Was erwarten Sie von seinem Besuch?

Baboun: Der Papst wird mit dem Hubschrauber direkt aus Jordanien kommen. 10.000 Gläubige werden ihn auf dem Manger-Platz begrüßen, direkt gegenüber der Geburtskirche. Dort wird der Papst auch die Messe feiern. Wir erwarten Christen aus allen palästinensischen Städten – auch aus den Orten, die bis zur Staatsgründung Israels im Jahr 1948 zu Palästina gehörten. Wir rechnen zum Beispiel mit knapp 4.000 Pilgern aus Nazareth und dem Norden.

Frage: Wie werden Sie Franziskus die Situation Bethlehems nahebringen?

Baboun: Er selbst hat darauf bestanden, nicht mit Würdenträgern zu essen, sondern mit gewöhnlichen Menschen – Menschen mit Schwierigkeiten. Er wird also einen unmittelbaren Eindruck von unserem Leben und unseren Problemen bekommen. Beim Mittagessen wird er zum Beispiel einen jungen Palästinenser treffen, der keinen Ausweis besitzt. Denn unsere Papiere müssen von Israel bestätigt werden. Dieser junge Mann wurde während der ersten Intifada in Bethlehem geboren – und wegen all der Beschränkungen wurden seine Dokumente nie bestätigt. Er ist verloren! Er ist jetzt 21 und kann nicht auf die Universität gehen. Er kann nicht heiraten. Er ist ein Mann, der offiziell überhaupt nicht existiert.

Frage: Papst Franziskus ist ein Mann großer Zeichen und Symbole. Hoffen Sie auf eine bestimmte Geste von ihm, wenn er in der Stadt ist?

Baboun: Der Papst ist eine Persönlichkeit, die nicht nur mit Worten Hoffnung macht, die Hoffnung wiederbringt für die Menschen, die an den Rand gedrängt sind. Er ist ein Vorbild für einfache und spontane Taten. Sein Herz spricht zuerst. Seine Lehre und seine Taten entsprechen unserem ersten Lehrer, unserem Herrn Jesus Christus. Ich kann nicht vorhersagen, was er machen wird. Aber Franziskus reagiert in jeder Situation mit liebendem Herzen und offenem Geist.

Frage: Was wird der Papstbesuch für die einfachen Gläubigen ändern?

Baboun: Papst Franziskus hat einmal gesagt: "Wir müssen den jungen Menschen die Hoffnung wiedergeben." Die Gläubigen Bethlehems und die Palästinenser brauchen dringend ein Zeichen dieser Hoffnung – für ein Leben in Gerechtigkeit, Gleichheit und Frieden. Die Anwesenheit des Papstes gibt uns Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Als Palästinenser sehnen wir uns alle danach, egal ob wir Christen oder Muslime sind.