Mit jeder Generation werden Migranten Herkunftsdeutschen im Vergleich zu ihren Eltern ähnlicher. Wie Forscher des Berlin-Instituts herausfanden, sind Migranten zwar im Schnitt jünger als Deutsche, sie gleichen sich im Laufe der Zeit aber in vielen Lebensbereichen den Einheimischen an: Auch ihr Durchschnittsalter steigt, sie bekommen weniger Kinder, heiraten seltener und trennen sich häufiger. 

Für ihre Studie Neue Potenziale. Zur Lage der Integration in Deutschland werteten die Forscher Daten des Statistischen Bundesamtes aus. Demnach leben Migranten vor allem in den Stadtstaaten und wirtschaftlich starken Regionen – also im Westen Deutschlands.

In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Integration von Einwanderern insgesamt verbessert, konstatieren die Forscher. Als Ursache nennen sie den Konjunkturaufschwung, der die Nachfrage nach Arbeitskräften steigen lässt. Aber auch die Einwanderung der Hochqualifizierten verbessere die Integration im Schnitt.

Positiv wirkte sich dem Berlin-Institut zufolge aus, dass Deutschland den Zuzug hochqualifizierter Ausländer erleichtert hat. Hinzukomme die steigende Nachfrage der Unternehmen nach ausländischen Fachkräften. Insgesamt habe sich die Lage der Migranten verbessert, sagte der Direktor des Berlin-Instituts, Reiner Klingholz. "Das liegt vor allem an der verbesserten Arbeitsmarktsituation, von der alle Menschen in Deutschland profitieren."

Bei den verschiedenen Herkunftsgruppen zeigen sich aber deutliche Unterschiede:  

  • Demografisch und von ihrem Bildungsniveau her ähneln den Einheimischen am stärksten die Aussiedler, die zugleich die größte Migrantengruppe sind.
  • Die türkischen Einwanderer sind nach wie vor am schlechtesten integriert. Die Forscher führen das auf das niedrige Bildungsniveau zurück, das Zuwanderer bei ihrer Ankunft hatten. Jeder fünfte aus der Türkei zugewanderte Mann und jede dritte Frau habe keinen Bildungsabschluss – ihre Nachkommen haben es auch deshalb auf dem Arbeitsmarkt schwer. Ihre Nachkommen schaffen es selten, in der Schule diese Defizite aufzuholen.
  • Ähnliche Probleme diagnostizierten die Forscher bei Einwanderern aus dem ehemaligen Jugoslawien.
    Am besten integriert sind Einwanderer aus der EU, die, vorwiegend aus Krisenländern kommend, nach Jobs suchen. Die Neuzuwanderer der vergangenen Jahre sind überdurchschnittlich qualifiziert – auch die aus osteuropäischen Staaten.
  • Ambivalent ist das Bild bei den Zuwanderern aus Afrika, dem Fernen und dem Nahen Osten: Von hier kommen überdurchschnittlich viele niedrig- aber auch hochqualifizierte Einwanderer. Aber auch Letzteren gelingt es nicht immer leicht, einen Job zu finden. Kinder aus Fernost sind gut in der Schule – unabhängig vom Bildungsgrad ihrer Eltern.    

Viele der Neuzugewanderten sind nicht laut der Studie nur hoch qualifiziert, sondern auch sehr mobil. Sobald sich die Wirtschaftslage in ihren Heimatregionen wieder verbessert, könnten sie daher Deutschland auch schnell wieder verlassen, warnte Klingholz. 

Die Forscher mahnen, Deutschland müsse sich mehr um Fachkräfte aus dem außereuropäischen Ausland bemühen. Die Blue Card der EU für hochqualifizierte Einwanderer aus Drittstaaten sei ein guter Anfang, aber mit zu hohen Hürden verbunden. "Nötig sind Anwerbeplattformen in den Herkunftsländern der Migranten", sagte Klingholz.

Plädoyer für Doppelte Staatsbürgerschaft

Besonders die älteren Einwanderer, die weniger gut Deutsch sprechen, bedürften demnächst besonderer Unterstützung, heißt es weiter. Denn wer in den sechziger Jahren als junger Mensch nach Deutschland kam, ist heute im Rentenalter und dürfte auch bald die Sozial- und Pflegedienste in Anspruch nehmen. Und auch junge Einwanderer ohne Bildungsabschluss bräuchten spezielle Hilfe, auch wenn ihr Anteil an der Einwanderung zuletzt sank. Die Forscher regen an, sich schon in den Kindergärten auf die Kinder bildungsferner Einwanderer zu konzentrieren und auch die Eltern zu betreuen. Sie bemängeln zudem, dass das neue Staatsbürgerschaftsrecht ein "falsches Signal" für Zuwanderer sei, da die Mehrstaatlichkeit nur für bestimmte Länder gilt und das Einwanderer in einen Loyalitätskonflikt stürzen könne. Sie plädieren für die doppelte Staatsbürgerschaft.

Deutschland liegt mit 440.000 Neuzugängen 2013 laut der Organisation OECD auf Platz zwei der größten Einwanderungsländer. Das Statistische Bundesamt ermittelte, dass 96,7 Prozent der Migranten in den westlichen Bundesländern und Berlin leben, nur 3,3 Prozent in Ostdeutschland. Mit 43,4 Prozent wohnt ein Großteil der Migranten in Großstädten mit mindestens 100.000 Einwohnern, nur 14,4 Prozent leben in Gemeinden mit weniger als 10.000 Einwohnern. Im erwerbsfähigen Alter von 15 bis 64 Jahren sind zwei Drittel der Migranten und drei Viertel der Menschen ohne Migrationshintergrund erwerbstätig.