Die Deutschen wollen sich nicht binden – das wurde jetzt hochrichterlich bestätigt. Es fehlten ihnen die "Bereitschaft und die Fähigkeit", dauerhafte Beziehungen einzugehen, stellte der Verfassungsrichter Andreas Voßkuhle jüngst fest. Wer heute Mitte 30 ist und unverheiratet, hat (das ist quasi ein konservatives Grundgesetz) Mitschuld an der sich ausbreitenden deutschen Bindegewebsschwäche und sollte sich notverheiraten. Denn nur, wer (wie die ergrauten Konservativen, die so argumentieren) gut gebunden viele Einzahler ins Rentensystem in die Welt gesetzt hat, lebt und liebt richtig. Alles andere ist Hedonismus oder Sünde.

Als unverheiratet-kinderloser Mittdreißiger kann ich da nur den Kopf schütteln: Warum soll ich mich für den Bund fürs Leben begeistern, wenn er mir ständig als freudlose Pflichtveranstaltung verkauft wird, als soziale Last, die man ein Leben lang vor sich her rollt wie Sisyphos seinen Stein? Was ist denn so schön an einer für die Ewigkeit zementierten Bindung? Schließlich kennt jeder von uns mindestens ein unglücklich gebundenes Paar, dem man zurufen möchte: "Geht auseinander!" Tradition? Pflicht? Loyalität? Diese Werte sind heute nichts mehr wert! Heute zählen Kreativität, Flexibilität, Engagement. Wer diese Trias des modernen Berufslebens nicht verinnerlicht hat und nur sein Pflicht tut, kann mittlerweile nicht mal mehr Beamter werden.

An die Stelle der Tradition trat die Leidenschaft, die Begeisterung. Wir sollen heute begeistert sein von dem, was wir tun, solange wir es tun. Denn schon morgen kann es vorbei sein und wir müssen weiterziehen auf der Suche nach der Erfüllung, die uns andere Arbeitgeber versprechen. Schon komisch: Deregulierer deregulierten sich die Liebe passend und veränderten so das Bild der Liebe an sich. So als habe am Anfang irgendein mythischer Neokonservativer in einer dicken Akte das gefunden, was er in der Ehe seiner Eltern so schmerzlich vermisste: das Glück.

An alle konservativen Bindungsbürger, die ihr uns heute unsere Bindungsangst zum Vorwurf macht: Wie konntet ihr nur die Liebe den Rationalisierern überlassen? Wie konntet ihr sie kampflos aufgeben und zur Privatsache erklären, bis ihr irgendwann genauso ungern über sie spracht wie über die Farbe eurer Unterhosen? Wenn ihr nicht an die Liebe glaubt, was sind eure Ehen wert? Wenn ihr nicht über sie reden könnt, warum macht ihr uns zum Vorwurf, dass wir nicht auf euch hören? Vielleicht ist unsere Bindungsangst ja nur ein Versuch, uns die Liebe zurückzuerobern, indem wir eine Sprache für sie finden beziehungsweise sie uns leihen. Schließlich wird unter uns Bindungsängstlichen über nichts so viel gesprochen wie über die Liebe: Wer passt zu mir? Passt der zu mir? Ist er zu groß, zu dick, zu dünn, zu arm, zu reich, zu alt? Bin ich glücklich? Bin ich noch glücklich? Werde ich irgendwann glücklich sein?

Diesen Fragenkatalog an unsere Gefühle haben wir, weil er uns alternativlos erschien, aus Frauenzeitschriften und dem Fernsehen übernommen. Der Partner wird zur Ware, die man an den richtigen Stellen drückt wie eine Tomate und wieder in die Kiste zurücklegt, sobald man einen kleinen Makel entdeckt. So versuchen wir die Liebe unter Kontrolle zu bringen. Denn auch wir rationalisieren sie. Wir wollen, dass sie sich anfühlt, wie wir glauben, es verdient zu haben. Aber natürlich lässt sich die Liebe nicht rationalisieren, sodass, wer sich angewöhnt, sie zu genau zu prüfen, irgendwann allein dasteht oder in einer biologischen Panik‧attacke wahllos nimmt, was gerade fruchtbar und verfügbar ist.

Natürlich geht es auch anders. Aber dazu muss man sich frei machen von der Vorstellung, alles unter Kontrolle haben zu müssen. Schließlich erscheint eine Tomate mit Makel nur im Vergleich mit anderen Tomaten als nicht perfekt. Doch in der Liebe gibt es, das weiß jeder, immer irgendwann den Tunnelblick-Moment, in dem man die anderen Tomaten plötzlich nicht mehr sieht. Sie verschwinden. Dann muss man sich blind entscheiden: weiter oder umkehren, Gas geben oder bremsen? Denn Liebe ist auch Entscheidung, sie fällt nicht einfach vom Himmel. Entscheiden kann man sich überall. Etwa im Restaurant, während der andere über Schostakowitsch spricht. Oder Fußball. Oder Quantenphysik. Plötzlich ist er da, der Tunnelblick, und man merkt: Scheiße, jetzt gehöre ich nicht mehr mir allein.