Das Hochzeitsbild von Mariam Jahia Ibrahim Isaak zeigt eine glückliche Frau: Selbstbewusst und zärtlich zugleich schaut sie in die Kamera, den Arm um ihren ernster blickenden Mann gelegt. Gerade einmal drei Jahre ist das her. Heute sitzt die glückliche Ärztin von einst in Haft, gemeinsam mit ihrem knapp 20 Monate alten Sohn und ihrer vor einigen Tagen geborenen Tochter. Seine Frau habe während der Niederkunft in Ketten gelegen, sagt der Vater, Daniel Wani. Erst Tage später, als er seine Familie endlich im Gefängnis besuchen durfte, habe er einen Wächter bewegen können, die Ketten zu lösen. Nur zweimal die Woche darf Wani, der aus dem heutigen Südsudan stammt und außer dem sudanesischen auch den US-amerikanischen Pass besitzt, Frau und Kinder sehen. "Sie machen es einem sehr schwer", sagt der 27-Jährige. "Ich weiß nicht, was ich tun soll – ich bete einfach." Vor allem dafür, dass seine Frau nicht für ihren Glauben gehängt wird, wie es ein Gericht in Khartum am 15. Mai beschlossen hat.

Wie aus dem Glück zweier Verliebter ein Psychodrama mit ungewissem Ausgang werden konnte, ist schwer zu verstehen. Sudans Justiz wirft Mariam Jahia Apostasie vor, zu bestrafen durch den Tod am Strang. Dabei beruft sich der Richter auf die islamische Scharia. Ibrahims Vater sei Muslim gewesen, damit sei auch die 27-jährige Mutter Muslima – unabhängig davon, dass ihre aus Äthiopien stammende Mutter orthodoxe Christin ist und ihre Tochter ab dem sechsten Lebensjahr allein erzogen hat. Weil sie aber Muslima sei, sei nicht nur ihre Ehe mit dem Christen Daniel Wani ungültig – dafür allein soll Jahia mit 100 Peitschenhieben bestraft werden. Zugleich habe sie sich auch des "Abfalls vom islamischen Glauben" schuldig gemacht. Und darauf stehe die Todesstrafe.

Dass Mariam Jahia selbst über sich sagt, sie sei zeit ihres Lebens Christin gewesen, spielt im Urteil der Richter ebenso wenig eine Rolle wie die Tatsache, dass Sudans Verfassung die Religionsfreiheit garantiert. "Jedermann hat das Recht freier Religionsausübung … sowie der Ausführung religiöser Riten und Zeremonien", heißt es in Artikel 38. Und weiter: "Niemand darf gezwungen werden, gegen seinen Willen einen anderen Glauben anzunehmen." Genau das forderte der Richter am Al-Hadsch-Jusif-Gericht im Norden der sudanesischen Hauptstadt von Mariam Jahia: Sollte sie zum muslimischen Glauben übertreten, seien ihre Taten vergeben. Doch Jahia widersprach: "Ich bin keine abtrünnige Muslimin, ich bin Christin." Das war ihr Todesurteil.

Erschienen in Christ & Welt

Ihre Anwälte haben angekündigt, weiter zu kämpfen. "Wir ziehen bis zum obersten Gerichtshof", sagt Muhammad al-Nur. Er berichtet von Drohungen, die er kurz vor dem Urteilstag erhalten hat. "Da waren Mitglieder missionarischer Gruppen, die mich am Telefon bedroht haben: Entweder du bringst sie zurück aus dem Gefängnis, oder du wirst dafür zahlen." Al-Nur ist Muslim. "Aber ich und mein Team, wir sind stolz – stolz als Muslime –, Mariam zu vertreten."

Ob Apostasie strafbar ist, ist auch unter Islamgelehrten umstritten. Doch wie gefährlich es ist, im Sudan die Religion zu wechseln – einem Land, das seit dem Putsch von Präsident Omar al-Baschir vor 25 Jahren formal islamistisch regiert wird –, weiß der Deutsche Robert Mühlberg (Name geändert) genau. 15 Jahre lang hat er in Khartum gelebt und eine Bibelschule geleitet. Das alleine ist nach sudanesischem Recht nicht verboten. Doch Mühlberg tat noch mehr: Er betätigte sich als Missionar und versuchte, Muslime für den christlichen Glauben zu gewinnen. "Jesus selbst hat als Zeuge seines Glaubens in der jüdischen Gesellschaft gelebt, und so machen wir es in der muslimischen Gesellschaft auch." Zeugnis Jesu zu sein, so nennen radikale Missionare wie Mühlberg den Kern ihres Auftrags. Mit dieser Einstellung ist der gelernte Werkzeugmacher selbst unter Missionaren ein Exot. Von den Tausenden, die in Afrika ihre gute Botschaft verbreiten, wendet sich kaum jemand an Muslime. Die Mission unter Muslimen oder Anhängern anderer monotheistischer Weltreligionen wie dem Judentum ist umstritten, weiß Mühlberg. Doch für ihn führt kein Weg daran vorbei: "Ich sehe das als Gehorsam gegenüber dem Auftrag, den Jesus seinen Jüngern hinterlassen hat."

Untergrundmissionare wie Mühlberg predigen nicht von der Kanzel, sie kommen mit Muslimen ins Gespräch. Sie diskutieren über Religion im Allgemeinen und das Verhältnis von Islam und Christentum im Besonderen. Im Sudan, lächelt der Familienvater, sei das viel einfacher, als man denkt. "Gespräche über den Glauben sind etwas ganz Normales in einer tief religiösen Gesellschaft, das ist anders als etwa in Deutschland, wo Glauben als Gesprächsthema allenfalls toleriert wird." Doch bei aller Offenheit ist Mühlberg unbeirrt in seinem Auftrag: "Mein Ziel ist es, dass Muslime zu Jüngern Jesu werden."

Robert Mühlberg weiß, wie gefährlich seine Mission ist. Zwar genießen die christlichen Kirchen im Sudan eine erstaunliche Menge an Privilegien: Sie sind von der Steuer befreit, anerkannte Gemeinden zahlen weder für Strom noch für Wasser. Doch der Versuch, Muslime vom Christentum zu überzeugen, wird seit Langem nicht toleriert. Überführten Missionaren droht die Ausweisung. Doch denen, die Mühlberg bekehrt, droht der Tod. Mühlberg weiß es, doch es kümmert ihn nicht. Ebenso wenig, dass in einer traditionellen islamischen Gesellschaft wie dem Sudan Konvertierte geächtet sind: Meist werden sie von Familien oder Freunden verstoßen und müssen sich eine neue Existenz aufbauen. Mühlberg hat gesehen, wie ein Konvertit sich verstecken musste und später in Todesangst aus dem Land floh.

Doch so etwas hält ihn nicht davon ab, weiter für den Übertritt zum Christentum zu werben. Von der "muslimischen Herausforderung" spricht sein Vordenker, der südafrikanische Baptist John Gilchrist, und von einem "epischen Kampf, dem Kampf zwischen Islam und Christentum um die Seelen aller Erdenbürger". Mühlberg lächelt zustimmend. Seine niedrige Erfolgsquote ist ihm dabei schmerzlich bewusst: "Ich habe bis jetzt vielleicht eine Handvoll Muslime bekehren können, und so viele mehr werden es wohl nicht mehr werden."

Auch im Fall von Mariam Jahia Ibrahim Isaak war es angeblich ein Familienmitglied, das die schwangere Frau anzeigte. Ein Mann, der sich als ihr Bruder ausgibt, wirft Jahia vor, dem muslimischen Glauben abgeschworen zu haben. Wie er, so sei auch sie muslimisch erzogen worden, behauptet er. Geht es also um eine Familienfehde? Lehnt der angebliche Bruder womöglich das moderne, selbstbestimmte Leben ab, das Jahia führt? Sie hat Medizin studiert, arbeitet als Ärztin. Ihr Mann Daniel Wani ist Biochemiker und hat einige Jahre im amerikanischen New Hampshire gelebt. Beide stehen für einen neuen Lebensstil in der überwiegend konservativen Gesellschaft des Sudans. Der jungen Familie ging es gut. Spielte Neid eine Rolle?