Das Haus der Hexenmeisterin liegt oben am Berg, in einem armen Vorort der Industriestadt Belo Horizonte. Die Wände sind in kräftigem Violett gestrichen, die Mauern ringsherum sind hoch, ein schweres Gitter aus Stahl versperrt den Eingang. Das ist so üblich in diesem Viertel: Hier wohnen Leute an der Schwelle zwischen der Armut der Favelas ringsherum und einem neu gewonnenen, bescheidenen Wohlstand. Den wollen sie unbedingt verteidigen.

"Das Haus der Hexenmeisterin"– so nennen es natürlich nur die anderen. Diejenigen, die auf der Straße tuscheln oder Angst bekommen, wenn die Hausherrin an ihnen vorbei geht: die Mãe de Santo hier oben im Viertel, die Mutter der Geisterwesen, Priesterin einer alten Religion, die Umbanda heißt. Es ist eine überaus komplizierte Glaubensrichtung, deren Wurzeln in die brasilianische Sklaverei zurückreichen, ein wilder Mix aus okkulten Praktiken und Philosophien verschiedener Weltreligionen. Die Anhänger von Umbanda glauben an afrikanische Naturgötter und Dämonen, an den Dialog mit Verstorbenen durch Medien und Trance, an Reinkarnation und Karma, an katholische Heilige und vieles mehr. Sie beten sogar das Vaterunser.

Umbanda und andere afro-brasilianische Religionen haben eine wachsende Zahl von Feinden im Land: Vor allem die schnell an Einfluss gewinnenden evangelikalen Freikirchen reden von Hexerei und Teufelszeug, in den vergangenen Monaten gab es eine Serie von Vandalismus und sogar vereinzelte Lynchmorde. "Das sind uninformierte Leute", sagt die Mãe des Santo, die in einem wallenden orangefarbenen Kleid am Eingangsgitter empfängt und zum Gespräch vor ihren Thron bittet. Da sitzt sie nun, mit einer schweren Holzkette um den Hals, auf einem hohen Sessel mit weißem Stoffbezug, hinter ihr auf der Rückenlehne geheimnisvoll verknotete Kettenstränge und Symbole.

Okay, Mãe de Santo, man würde sich ja gerne besser informieren über Umbanda – aber wo soll man bloß anfangen? Eine religionsgeschichtliche Führung alleine durch das Wohnzimmer hier würde Tage dauern. Neben dem Thron steht ein Regal mit Schutzpatronen, mit dem Heiligen Georg in voller Rüstung zum Beispiel, daneben kunstvoll verzierte afrikanische Trommeln. Gegenüber an der Wand sind katholische Heilige auf Sockeln aufgereiht. Ein Schritt nach rechts, und man erkennt die Meeresgöttin Jemanjah; noch eine Drehung, und man landet zwischen Rindsköpfen und Tonkrügen, Indianerhäuptlingen aus Holz und Bierflaschen als Opfergaben. 

Lieber erst mal Smalltalk. "Brasilien wird diese Fußball-Weltmeisterschaft nicht gewinnen!", ruft die Mãe de Santo mit ihrer schweren Stimme, die unversehens zwischen sanftem Erzählton und gebieterischen Ausbrüchen wechseln kann. War das jetzt eine religiöse Eingebung? Haben ihr die Geister das gesagt? "Um Himmels Willen, nein! Das ist meine Privatmeinung. Unsere Mannschaft spielt einfach zu schlecht."

Die Mãe de Santo ist 57 Jahre alt; sie heißt mit bürgerlichem Namen Norma Cotta und arbeitet tageweise in einem Reisebüro. Sie ist katholisch aufgewachsen, in ihrer Jugend war sie sogar Messdienerin, doch mit der Volljährigkeit entdeckte sie die afrobrasilianischen Religionen. Sie erlebte, wie Medien vor ihren Augen Geister verkörperten, sie fand einen Meister der indianisch-afrikanischen Caboclo-Tradition und bildete sich fort. Ihr Haus in Belo Horizonte, das 1989 als Religionsstätte eröffnet wurde, als "Benefizgesellschaft des Jenseits der Orixa-Geisteswesen", hat ungefähr 70 feste Besucher. Sie nennt sie "Söhne und Töchter". "Ich missioniere niemanden", setzt sie hinzu, "die Leute kommen zu mir. 90 Prozent kommen, weil sie ein riesiges Problem auf ihren Schultern tragen und nicht mehr weiter wissen". Drogenabhängige, schwangere Teenager, Prostituierte, Geisteskranke, vereinsamte Menschen – alles Menschen, die sich von der Mãe de Santo Hilfe versprechen.