Vielleicht werden einige Beobachter des NSU-Prozesses noch einige Tage darüber spekulieren, ob die Verteidiger von Beate Zschäpe sie nach ihrem Eintreten in den Gerichtssaal genauso vor den Blicken der Fotografen abgeschirmt haben wie bisher. Wie oft sich die Hauptangeklagte mit ihren Anwälten Anja Sturm, Wolfgang Stahl und Wolfgang Heer während der Verhandlung unterhalten hat. Mit dem einen häufiger als mit dem anderen? Und hat sie nicht ihren Stuhl, anders als sonst, weiter nach hinten gestellt? Sich abgewendet von den Anwälten? Und wahrscheinlich werden wir auch noch einige Zeit lesen, ob sich die vier nun weiterhin Bonbons teilen oder nicht, und wenn nicht, was das wiederum zu bedeuten hat.

Doch dieser 129. Verhandlungstag wird vielen wohl aus einem ganz anderen Grund noch lange in Erinnerung bleiben. Es war der erste, nachdem Beate Zschäpe hat mitteilen lassen, dass sie ihren Verteidigern das Vertrauen entzieht. Deshalb waren alle Sitzplätze auf der Zuschauerempore belegt, sogar die hinterste Reihe, die sonst meistens frei ist. Kurz vor Beginn der Verhandlung um 13 Uhr hatte sich so eine lange Besucherschlange vor dem Eingang des Oberlandesgerichts gebildet, wie seit Langem nicht mehr. 

Die Entscheidung Zschhäpes, ihre Pflichtverteidiger loswerden zu wollen – zu "entpflichten" – hat dem Prozess wieder große Aufmerksamkeit eingebracht. Auch wenn die meisten Prozessbeteiligten nicht daran geglaubt haben, dass das Gericht diesem Antrag stattgeben würde und das Verfahren womöglich mit neuen Pflichtverteidigern neu aufgerollt werden müsste. Denn das wäre die Folge gewesen.

Zschäpe spricht nicht

Wie sieht das aus, wenn die Angeklagte ihren Verteidigern nicht mehr vertraut, aber mit ihnen weitermachen muss? Was würde passieren?

Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl war heute einmal mehr der sachliche Gegenpol zu einer gespannten Erwartung im Saal. Er eröffnete die Sitzung trocken wie immer. Nachdem er alle begrüßt und die Präsenzen festgestellt hatte, sagte er nur wenige Sätze über die Entscheidung des Gerichts: die Angeklagte habe in ihrem Antrag keine "konkreten und hinreichenden Anhaltspunkte" genannt, die darauf hindeuteten, dass das Vertrauensverhältnis zu ihren Verteidigern gestört sei. 

Beate Zschäpe hört dem Richter aufmerksam zu. Sie könne sich dazu äußern, sagt Götzl am Ende seiner nur wenige Minuten dauernden Erklärung. Die Angeklagte bedeutet mit dem Schütteln ihres Kopfes, dass sie das nicht zu tun gedenkt.

Weiter, als sei nie etwas geschehen

Das wars. Dann ruft der Vorsitzende auch schon die erste Zeugin an diesem Tag auf. Es geht weiter im NSU-Prozess, als ob nie etwas geschehen wäre. Jeder Mensch hat eine andere Auffassung von diesen Dingen, aber es wird eine der ergreifendsten Aussagen des bisherigen Prozesses, abgesehen von dem, was Opfer, Eltern und Angehörige der Ermordeten im Saal berichteten.

Die Zeugin, eine 21-jährige Studentin, hatte Zschäpe und ihre beiden Weggefährten, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, beim Familienurlaub 2007 auf der Ostseeinsel Fehmarn kennengelernt. Die junge Frau betritt den Gerichtssaal weinend. Sie schafft es die ersten Minuten kaum, sich zu beruhigen. Immer wieder setzt sie an zu sprechen. "Ok, ok." Der Richter lässt ihr ein Glas Wasser bringen. "Nehmen Sie sich erst einmal einen Schluck", sagt er in einem väterlichen Ton.

Die junge Frau erzählt. Mit Eltern und Schwester verbrachte sie ihre Ferien auf Fehmarn, als eines Tages "die drei" zum Wohnwagen der Familie kamen und fragten, ob jemand von ihnen Lust auf eine Runde Doppelkopf hätte. Man freundete sich an und verbrachte fortan jede Minute miteinander. Surfen, mit dem Boot rausfahren, gemeinsam spielen, Musik hören, grillen. Drei Wochen lang. Man tauschte Telefonnummern aus. Die Freundschaft wurde so eng, dass die Familie auch die nächsten Jahre, bis 2011, ihren Urlaub mit den dreien, die sich Lise, Gerri und Max nannten, abstimmte. Die drei hatten ein Handy, das sich meistens bei Beate Zschäpe befand. "Ich habe die Nummer immer noch", sagt die junge Frau.