Die Studentin zeichnet ein positives Bild des Trios. Die drei seien sehr lieb gewesen, offen, lustig, zuvorkommend und kinderlieb. Max (Uwe Mundlos) beschreibt sie als Spaßvogel, Gerri (Uwe Böhnhardt) als eher ruhigen Typ, und zu Lise hatte sie das engste Verhältnis.

Immer wieder bricht die Zeugin in Tränen aus. Hin und wieder ist es von der Zuschauertribüne aus allerdings schwer zu beurteilen, ob sie weint oder lacht. Oder beides. Diese Hysterie ist nachvollziehbar wenn man bedenkt, in was für einer Situation sich die junge Frau befindet: Nach Jahren erfuhr sie, dass ihre ältere Freundin Mitglied einer rechten Terrorbande gewesen sein soll, die womöglich zehn Morde begangenen hat. "Lise war wie eine Freundin", der sie auch Persönliches erzählt habe. Eltern- und Schulprobleme zum Beispiel.    

Die drei seien "immer so herzlich" gewesen, sagt die Zeugin, und wieder stockt ihre Stimme. Sie erzählt davon, dass die drei sie zu ihrem 17. Geburtstag besucht hätten, und dass Lise sogar mit ihrer Schwester in einem Bett geschlafen hätte. Einmal wollten die drei sie spontan besuchen, auf dem Weg zu einem Bekannten nach Hannover, wie es geheißen habe (vermutlich war hier der Mitangeklagte Holger Gerlach gemeint, der in der Nähe wohnte). Die Familie war aber nicht zu Hause – als sie wiederkam, lag da ein kleines Geschenk vor der Tür.

Tiefe Freundschaft mit den mutmaßlichen Terroristen

Die Bezeichnung "Freundschaft" ist hier nicht einfach so dahingesagt. Die junge Frau leidet. Der Vorsitzende fragt die Zeugin gegen Ende ihres Auftritts, warum sie weinte, als sie den Saal betrat. "Für mich ist eine Welt zusammengebrochen", sagt sie über den Moment, als sie die drei in den Nachrichten sah. "Sie waren wie Ersatz-Eltern für uns." Nachdem sie die wahre Identität von Lise, Max und Gerri erfahren hatte, ging es der damals 18-Jährigen so schlecht, dass sie eine Therapie anfangen musste. Sie konnte nicht mehr zur Schule gehen, hatte Konzentrationsprobleme.

Die junge Frau zeigt damit, wie es einem ergeht, der vom NSU angelogen und betrogen wurde; wie jemand leidet, der nach Jahren herausfinden muss, dass ein Mensch nicht der war, für den er sich ausgab, sondern womöglich schwere Schuld auf sich geladen hat – und das schon zu dem Zeitpunkt, als man ihm begegnete. Die Aussage dieser Zeugin zeigt aber noch etwas anderes: Dass Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe womöglich auch auf der Suche nach Normalität waren.

Für die Hauptangeklagte muss es ein schwerer Tag gewesen sein. Erst der abgelehnte Antrag, dann diese hochemotionale Zeugin, für die sie die Verräterin ist. Und dann noch etwas: Die junge Frau bestätigte die Annahme der Ankläger, dass Zschäpe das Geld des Trios verwaltet habe. Sie habe immer ein großes Portemonnaie dabeigehabt, mit 500-Euro-Scheinen darin und sie habe immer alles bezahlt, sagt die Zeugin.

Als die junge Frau nach ihrer Aussage den Saal verlässt, dreht sie sich noch einmal zu der Angeklagten um und winkt ihr vorsichtig zu. Zschäpe winkt nicht zurück. Der Prozess wird morgen fortgesetzt.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes war der Wohnort der Zeugin genannt. Diesen haben wir entfernt.