Vor allem fehlt es an Transparenz. Unabhängige Polizeibeschwerdestellen, die auch ermitteln und Zeugen vorladen dürfen, wie es sie in den USA gibt, könnten das ändern, sagt der Polizeiwissenschaftler Harmut Aden. Sie entsprechen auch der Forderung von Amnesty International. Oder, analog zum Datenschutzbeauftragen, einen für die Polizei – der könnte neben konkreten Ermittlungen zu einzelnen Fällen auch Empfehlungen für strukturelle Veränderungen geben. In Rheinland-Pfalz soll dieses Modell nun erprobt werden.

In Hamburg gab es eine von der Polizei unabhängige Beschwerdestelle, die durchaus erfolgreich arbeitete. Bis im Jahr 2001 die rechtspopulistische Partei Rechtsstaatlicher Offensive an die Macht kam und der Innensenator Ronald Schill die Kommission auflöste.

Dabei könnten sich solche Beschwerdestellen nicht nur um die strafbaren Fälle von Polizeigewalt kümmern, sie wären vor allem Vermittler zwischen der Polizei und der von ihr entfremdeten Bevölkerung. "Die Polizei hat ein Kommunikationsproblem", sagt der Polizeiforscher Behr. "Wir stehen zwischen den Fronten", sagt ein Beamter einer Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE), die auf Demonstrationen dafür zuständig ist, Straftäter zu erkennen und festzunehmen. Er versteht sich selbst als linksliberal, sagt er. "Es ist für mich eine große Belastung, zu einem Einsatz zu kommen und pauschal angefeindet zu werden." Auch bei vielen Polizisten, die sich auf der Tagung äußern, wird klar, dass sie sich vor allem unverstanden fühlen.

Das zeigt sich vor allem in den täglichen Begegnungen: Ein Vortrag in Hamburg dreht sich um Provokationen von Bürgern, die nicht strafbar sind – vor denen sich die Beamten aber fürchten, weil sie für sie Autoritätsverlust bedeuten: Wenn ihnen auf Streife ins Gesicht gerülpst wird oder sie bei einer Ausweiskontrolle einen vollgespuckten Perso vor die Füße geworfen bekommen.

Der Bürger als Feind

Es gibt Polizisten, die solche Situationen bewusst eskalieren lassen, bis ihr Gegenüber sich strafbar macht und sie eine Handhabe gegen ihn haben. "Widerstandsbeamte" nennt sie Stefanie Tränkle, Professorin an der Polizeihochschule Baden-Württemberg. Den Bürger sehen sie als Feind, ihre Autorität stellen sie im Zweifel auch mit Brutalität wieder her.

Nicht immer gelingt das, wie ein aktueller Fall aus Kreuzberg zeigt: Ein Mann mit Clownsnase soll seinen Ausweis vorzeigen und reagiert offenbar nicht schnell genug – in einem Video ist zu sehen, wie ihn die Polizisten daraufhin zu Boden zwingen, eins seiner Beine über einen Poller dehnen und minutenlang auf dem vor Schmerzen schreienden Mann knien. Anwohner und Passanten sammeln sich um sie und protestieren lautstark, einige Polizisten halten sie mit gezücktem Pfefferspray auf Abstand. Im Gerangel wirft jemand ein Fahrrad auf einen der Beamten. Erst, als die Bereitschaftspolizei mit mehreren Mannschaftswagen und in voller Montur anrückt, bekommt die Polizei die Situation wieder unter Kontrolle. 

Zu einem besseren Verständnis zwischen Polizei und Bevölkerung dürfte dieser Vorfall kaum beigetragen haben. Der Sprecher der Polizei sagte danach: "Es ist inakzeptabel, wenn die Kollegen so angegriffen werden, nur weil sie Personalien feststellen wollen." Nach einem Prozess der Versöhnung klingt das nicht.

Aktualisierung, 18 Uhr: Die Polizei Berlin hat eine Erklärung veröffentlicht, in der sie schreibt, der Festgenommene habe zuvor die Beamten behindert, als sie eine Schlägerei aufklären wollten, und sei einem Platzverweis nicht gefolgt. Zu der Behandlung des 22-Jährigen äußert sie sich nicht.