Veränderte ein Thesenanschlag allein die Geschichte Europas? Das zumindest legt Jochen Bittner nahe, der vergangene Woche eine islamische Reformation forderte. Wo bleibt ein Imam der 95 Thesen?, fragte er und verlangte, der Islam solle sich endlich mit der Moderne versöhnen.

Dabei ist die Vorstellung, ein Thesenanschlag allein genüge, um die muslimische Welt schlagartig zu verändern und in die Moderne zu führen, herrlich naiv. Ideen verändern nicht die Welt, solange sie abgeschnitten sind von der Macht, diese auch durchzusetzen. Weshalb wurde die Reformation im 16. Jahrhundert nicht durch Kaiser Karl V. oder die Kirche niedergeschlagen? Weil Martin Luther sich mit der Macht deutscher Fürsten verbündet hatte. Luther profitierte von der Absicht des Papstes, zur Finanzierung eines Kreuzzuges eine üppige Zusatzsteuer zu erheben. Luther wurde dadurch zur Gallionsfigur einer Befreiung von Rom. Dass die kaiserliche Gegenwehr ausblieb und die protestantische Bewegung die nötige Zeit erhielt, sich auszubreiten, ist zudem auch den Osmanen zu verdanken. Deren militärischer Expansionsdrang nach Osteuropa verhinderte, dass der Kaiser sich der Protestanten entledigte. 

Reformistische Bewegungen gab und gibt es auch im Islam. Bereits im 19. Jahrhundert forderte der ominöse Philosoph Jamal Al-Din Al-Afghani eine Demokratisierung der muslimischen Welt, eine islamische Ökumene für Sunniten und Schiiten, wie auch die politische Gleichberechtigung von Christen und Muslimen. Zeit seines Lebens suchte er einen muslimischen Herrscher, der seine Reformvorschläge durchsetzen könnte. In Kabul, Kairo, Teheran und Istanbul wurde er vorstellig. Vergebens: Er fand keinen Herrscher, der willens gewesen wäre, seine Macht zugunsten des Volkes zu beschneiden. Nahezu vergessen starb Al-Afghani 1897 schließlich in Istanbul, unter Hausarrest stehend. Der Philosoph hatte sich übrigens wiederholt auf Martin Luther und die Reformation bezogen.

Es kann nur spekuliert werden, welche Entwicklung die muslimisch geprägten Länder genommen hätten, wäre es Al-Afghani gelungen, sich mit einer politischen Macht zu verbünden. Wie ein solcher Erfolg aussehen kann, zeigte im 18. Jahrhundert der Gelehrte Muhammad Abd Al-Wahhab, der auf der arabischen Halbinsel eine Allianz mit dem Stammesführer Muhammad ibn Saud schmiedete. Das Ergebnis der Verbindung war 1932 die Geburt Saudi-Arabiens. Die Einnahmen aus dem Ölgeschäft ermöglichten dann den globalen Export des Wahhabismus, etwa durch kostenlose wahhabitische Literatur oder die Finanzierung von Moscheebauten in anderen Ländern.

Auch im Islam hat der Thesenanschlag versinnbildlicht längst stattgefunden. Seit rund 270 Jahren haben unter dem Sammelbegriff Salafiyya in der muslimischen Welt zig Erneuerungsbewegungen begonnen, nach dem Ursprung, dem ursprünglich Islamischen, der koranischen Botschaft zu fragen. Gleichwohl sie durch eine unterschiedliche Hermeneutik zu unterschiedlichen Antworten gelangen: Die puritanischen Wahhabiten gehören ebenso dazu wie der progressive Al-Afghani, die ideologischen Muslimbrüder wie auch die revolutionäre Hizb At-Tahrir. Die Salafiyya ist damit ebenso pluriform, wie es der Protestantismus mit seinen Lutheranern, Wiedertäufern, Calvinisten, Baptisten, Quäkern und Methodisten ist.

Die Überschneidungen zwischen Salafiyya und Protestantismus sind unübersehbar und lassen sich an fünf Punkten festmachen:

1. Im Zentrum der Salafiyya steht die Kritik an den mittelalterlichen Strukturen und Ansichten der muslimischen Gelehrsamkeit. Ihnen wird die Schuld für die Stagnation des muslimischen Denkens gegeben. Durch die Kritik an den Traditionen erhoffen sich die Reformer Wandel, Erneuerung und Innovation. Auch der Protestantismus war eine Reaktion auf den Missbrauch und die Verfälschung der christlichen Religion durch die Katholische Kirche. Die Besinnung auf die vermeintlich christliche Glaubenssubstanz erfolgte durch eine Konzentration auf die Bibel und die Anerkennung Jesu als einzige Autorität für alle Christen, womit die Autorität des Papstes und der Amtskirche aufgehoben wurde. Protestantismus und Salafiyya sind beides "Buchreligionen" par excellence.

2. Während die Evangelische Kirche einige Sakramente der Katholischen Kirche zurückwies, weil sie ihren Ursprung nicht bei Jesu haben, so haben auch die Salafiyya-Strömungen abergläubische Praktiken und andere nicht ursprünglich gottesdienstliche Handlungen, die Eingang in den Islam gefunden hatten, abgewehrt und disqualifiziert.

Drei Kulturen, die von unterschiedlichen Zeitepochen geprägt sind

3. Mit dem Protestantismus kam die eigene nationale Kultur stärker zum Ausdruck. Gottesdienste wurden in der jeweiligen Landessprache abgehalten, während die Katholische Kirche bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil an der lateinischen Sprache festhielt. Auch die Salafiyya kann infolge des westlichen Kolonialismus als Ausdruck der kulturellen Eigenständigkeit der muslimischen Welt verstanden werden, da sie den westlichen Anspruch auf Universalität zurückweist. Sie macht das Recht geltend, auf der Grundlage der eigenen Geschichte und bei kritischer Bewertung der Entwicklung des Westens einen eigenen Weg einzuschlagen.

4. Sowohl der Protestantismus als auch die Salafiyya waren an eine mediale Revolution gekoppelt. Durch den Buchdruck war es erstmals möglich, Literatur für die Massen zu produzieren, womit der Protestantismus zugleich die Bildung förderte und Bildungseinrichtungen schuf. Auch die Salafiyya konnte mithilfe der Druckerpresse und später durch das Radio, Fernsehen und Internet die Massen erreichen und ansprechen.

5. Im Protestantismus stand das Verhältnis von Religion und Staat zur Debatte. Im Luthertum unterwirft sich die Religion dem Staat, dem Calvinismus zufolge soll sich der Staat aber nach der Religion richten. So entstand der calvinistische Gottesstaat von Genf, in dem die Bibel zur Rechtsquelle wurde und etwa Besuche von Gottesdiensten zur Pflicht wurden. Sittenpolizisten kontrollierten regelmäßig die Haushalte. Auch die aufgezwungene Staatlichkeit als Folge des Kolonialismus und des Untergangs des Osmanischen Reiches warf im Islam zahlreiche Fragen hinsichtlich des Verhältnisses von Religion und Staat auf. Innerhalb der Salafiyya streitet man über unterschiedliche Modelle: von der Theokratie über eine islamisch-spirituelle bis hin zur säkularen Demokratie.

In ihrem Streben nach aufklärerischer Eindeutigkeit und dem Austilgen der traditionellen innerislamischen Vielfalt ist die Salafiyya ganz und gar ein Ausdruck der europäischen Moderne. Wie die protestantische Reformation, so führte auch die Salafiyya aber letztendlich zu einer weiteren Entzweiung innerhalb des Islam. Dem algerischen Philosophen Malik Bennabi zufolge bestehen die muslimischen Gesellschaften heute aus drei Kulturen: die vom Mittelalter geprägte traditionelle Kultur, die Salafiyya-Kultur und eine an Europa orientierte laizistische nationalistische Kultur. Drei Kulturen, die von unterschiedlichen Zeitepochen geprägt sind, ohne dass sie untereinander ein verbindendes Element hätten. Keine dieser Kulturen könne daher einen Zukunftsentwurf für die muslimische Welt darlegen und so sei diese in eine ganz neue Form von Stagnation verfallen.

Denkt man diesen Gedanken zu Ende, so sind extremistische Gruppierungen wie die Al-Kaida und der IS eine Folge des Unvermögens der Salafiyya, die muslimische Welt wieder intellektuell, technisch und politisch zu einem Vorbild zu machen. Man kommt nicht umhin, eine Parallele zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und den derzeitigen Schlachtfeldern im Irak und Syrien zu ziehen. Die traditionelle vielfältige islamische Kultur mitsamt ihren zivilisatorischen Errungenschaften zerfällt, während die muslimische Welt endgültig in einen Tiefschlaf verfällt. Wer von der muslimischen Religionsgemeinschaft eine Reformation protestantischen Maßstabes einfordert, der darf sich über den innerislamischen Religionskrieg nicht wundern und auch nicht beschweren.

Aber bei muslimischen Denkern entsteht in der kritischen Auseinandersetzung mit der Salafiyya zugleich die Einsicht, dass es fatal war, sich an der Reformation zu orientieren. Der Islam ist doch keine reine Buchreligion, sondern er ist Buch und Glaubensgemeinschaft in der Zeit. Der indische Philosoph Muhammad Iqbal riet daher, die Muslime sollten sich statt auf den Koran auf das Studium der Geschichte konzentrieren. Der eigenen wie auch der anderen Religionsgemeinschaften. Nur wer die Geschichte kenne, könne vermeiden, stets die gleichen Fehler zu wiederholen oder die Fehler anderer zu begehen. Erst dann könnten inhumane Islamauslegungen durch bessere, humanere, weltbejahende Islamauslegungen niedergerungen werden. Sofern diese mit Macht gepaart würden, also auch politisch durchsetzbar sind.

Wie dies sich entwickeln wird, ob autoritär oder demokratisch, wird sich an der geistigen und politischen Reife muslimischer Gesellschaften entscheiden. Dann erleben wir vielleicht den Anbruch einer Moderne für die islamische Welt. Dies muss aber nicht zwangsläufig die westliche Moderne sein. Vielleicht wird diese sogar übertrumpft, oder ist der Westen das Maß aller Dinge?