Am merkwürdigsten sind die Straßen, die ins Nichts führen. Sie sind aufgeplatzt, ringsherum wuchert Unkraut, die Straßenlaternen stehen noch, obwohl sie schon lange für niemanden mehr leuchten müssen. Hier wohnten meine Freunde, da hinten war meine Grundschule, dort mein Kindergarten. Ich bin hier groß geworden und jetzt ist alles weg. Abgerissen oder rückgebaut wie es offiziell heißt, weil das weniger brutal klingt.

Ich fahre nur hier raus, wenn mich jemand besucht. Jemand, der nicht von hier ist, nicht aus dem Osten und der kaum glauben kann, dass von einer Kindheit nur eine Brache bleiben kann. Und dann erzähle ich ihm von Cottbus-Sachsendorf.

Von den mehr als 30.000 Leuten, die hier wohnten, in einem der größten Plattenbauviertel der DDR. Von diesem in Beton gegossenen Traum des Sozialismus. Der Arbeiter neben dem Professor, der Musiker neben dem Müllmann, der Oberbürgermeister in einem Elfgeschosser. Weil es Zentralheizung gab und Toiletten in jeder Wohnung. Und weil es so zu sein hatte in der DDR. Und ich erzähle, wie die Bagger kamen, als die DDR verschwunden war.

"Echt? Du warst in mich verknallt?"

Bianca muss ich das alles nicht erzählen. Wir stehen auf einer Wiese, die einmal unsere Grundschule war. Ein Trampelpfad läuft quer durchs Klassenzimmer. Wo stand noch mal die Turnhalle? Die Tischtennisplatten aus Beton? Nur das kleine Wäldchen in dem wir Kienäppel sammelten, um sie uns später an die Köpfe zu werfen, erkennen wir sofort. "Hier kifft doch jemand", sagt Bianca. Kein Mensch ist zu sehen.

Damals war ich in Bianca verknallt. Eigentlich waren alle in Bianca verknallt. Weil sie so große dunkle Augen hatte und schneller rennen konnte als der Rest. Ich habe ihr das nie gesagt. Jetzt, nachdem wir uns 20 Jahre nicht gesehen haben, kann ich ihr es sagen und sie fragt "Echt?" und erzählt von den rosa Herzchen, die sie früher um Bilder von mir gemalt hat. Und von ihren beiden Kindern, der Scheidung, dem Sorgerechtsstreit, dem neuen Mann.

Wir laufen zur Herderstaße. Dort hat sie gewohnt. Die Herder- und die Hegelstraße hat es besonders getroffen, nichts steht mehr. Was hat das zu bedeuten? Es sind fünf Minuten zu Fuß. Das war das Tolle damals, wie nah alles war. Die Freunde, die Kaufhalle, die Schule, die Straßenbahnhaltestelle. Meine Grundschulklasse verteilte sich auf vielleicht vier Straßen. Wenn ich Fußball spielten wollte, nahm ich den Ball und bolzte zwischen den Wäschestangen herum. Wer das hörte, schaute aus dem Fenster und kam runter.

Auf die Durchreiche war die DDR stolz

Ich bin ein Plattenbaukind. Wo andere nur Beton sehen, sehe ich Leben. Ich finde sie schön. Mich zieht die Wucht dieser Häuser an, die Einfachheit. Alles hat seine Ordnung, eine Funktion, kein Schnickschnack. Überall, wo ich bin, starre ich auf Plattenbauten. Ich war einmal auf Sansibar und auch dort, im ehemaligen sozialistischen Bruderstaat Tansania, gab es Blöcke, die genauso aussahen wie in Sachsendorf. Bloß verwitterter wegen der feuchten tropischen Luft. Ich schaute mehr auf diese Häuser als auf den Ozean.

Biancas Wohnung steht nicht mehr, aber hier auf der Wiese muss der Eingang gewesen sein. Sie tritt auf nassem Gras auf der Stelle, aber eigentlich läuft sie die Treppe hinauf, 3. Stock, und schließt ihre Wohnungstür auf. "Hier ist der kleine Flur und geradeaus das noch kleinere Bad", sagt sie. Sie erinnert sich auch noch an die Küche mit der Durchreiche, das war typisch für die Wohnungen vom Typ P2. Eine Durchreiche, darauf war die DDR stolz. Links dann ihr Zimmer, das sie sich mit ihrer Schwester teilte, ein Doppelstockbett. Sie schlief oben.

Irgendwann nach der Wende zog Biancas Familie aus. Wie meine, wie so viele, die mehr Platz wollten. Wer es sich leisten konnte, kaufte sich ein Häuschen im Grünen. Ein Traum, der in der Mangelwirtschaft der DDR oft schon am fehlenden Sack Zement zerplatzte. Mittlerweile lebt Bianca in einem umgebauten Bauernhaus weiter draußen. Könnte sie sich vorstellen noch hier zu leben? Oder wieder? "Auf keinen Fall."

Cottbus-Sachsendorf verlor schnell fast jeden zweiten Einwohner. Bis eben waren die Platten noch modern und begehrt, nun wurden sie zum Auslaufmodell. Wer wohnen blieb, wollte auch weg, konnte nur nicht. Das Viertel kippte. Auf den Straßen: Alte, Arme, Springerstiefel, Bomberjacken.