Wann folgen deutsche Manager Tim Cook?

Der Apple-Chef Tim Cook outet sich als schwul, und die Businesswelt steht Kopf. Selbst Satya Nadella, der Boss des Erzfeinds Microsoft, twittert, er sei inspiriert von Cook. Und verknüpft damit, ganz missionarisch-amerikanisch, sogleich die Grundsatzfrage: "Und was tun Sie für andere"?

Eine Nummer kleiner ging's wohl nicht. Und doch: Cooks erste öffentliche Äußerung zu seinem Schwulsein fällt spektakulär aus. Ist das verwunderlich? Kaum. Tim Cook ist Marketing-Mann und versteht sich auf Inszenierungen.

Ist das schlecht? Die Form mag das eine sein, doch der Inhalt hat es offenkundig in sich. Der Vorstandsvorsitzende eines der größten, einflussreichsten und meistbeobachteten Unternehmen der Welt macht öffentlich, was eigentlich schon alle wussten: "Ich bin stolz, schwul zu sein."

Nicht alle wussten es, aber viele. Bei Apple jedenfalls war seine Homosexualität schon lange bekannt. Cook hat sich nie versteckt. Allerdings machte er auch nie viel Aufhebens um seine sexuelle Orientierung. Und das Unternehmen – allen voran Steve Jobs – ließ ihn trotzdem den Weg nach oben gehen.

Hört sich das komisch an? Soll es auch. Denn das "trotzdem" steht dafür, dass Homosexuelle in den Chefetagen fast überall auf der Welt offiziell (so gut wie) nie sichtbar werden, weil sie vor einem Coming-out Angst haben und massive Nachteile befürchten. Allen Bekenntnissen zu Offenheit, Toleranz und Akzeptanz zum Trotz gilt das auch in Deutschland. Die Republik ist längst nicht so tolerant, wie sie oft vorgibt zu sein.

Parallele Hitzlsperger?

Sprachen nicht vor zehn Monaten hierzulande viele davon, das letzte Tabu sei gefallen, die Homosexualität im Profifußball der Männer? Als sich Thomas Hitzlsperger outete, war der Tenor: Endlich! Seht her, wie liberal wir sind. 

Dass es ganz so einfach doch nicht ist, zeigten die Diskussionen nach Hitzlspergers Coming-out. Zwei, ja drei Wochen lang kannten Zeitungen, Blogs und Talkshows kein anderes Thema. Nicht alles, was da zum Vorschein kam, war erfreulich. Denn die Debatten beförderten zum Teil erstaunliche Ansichten von erstaunlichen Protagonisten zutage. Nicht wenige, sogenannte bürgerliche Ex-Funktionsträger wie der ehemalige Nationaltorwart Jens Lehmann, der ehemalige Arbeitsminister Norbert Blüm und der ehemalige Spiegel-Kulturchef Matthias Mattusek glänzten mit kruden Entgleisungen als "wohl homophob. Und das ist auch gut so".

Nun also die Wirtschaft, das heißt: die deutsche Wirtschaft. Denn die Cook-Story wirbelt nicht nur in den USA und anderen Teilen der Welt, sondern auch hier ordentlich Staub auf. Und das ist richtig. Denn natürlich war es Unsinn, nach dem Outing von Hitzlsperger vom Fall des letzten Tabus zu sprechen.

Die deutsche Gesellschaft ist im Kern nach wie vor konservativ in dem Sinne, dass sie sich Neuerungen nur schwer öffnet. Das gilt im besonderen Maße für die Unternehmen.

Firmen brauchen gut ausgebildete Schwule und Lesben

Gerade drei Jahre ist es her, da titelte das Handelsblatt: "Deutschlands Wirtschaft soll rosa werden". Dazu zeigte die Zeitung ein Allianz-Logo, in Pink getaucht. Weiter hieß es: "Mit einer diskreten Initiative will der Versicherungsriese Allianz deutschlandweit die Arbeitsbedingungen von sexuellen Minderheiten verbessern. Erste Reaktionen reichen von Verwunderung bis Ablehnung."

Es folgte Hüsteln, Räuspern, nervöses Lachen – und Fragen wie: "Haben die denn nichts anderes zu tun?" Wer Deutschlands Business-Elite jenseits von Pressebulletins, braven Hauptversammlungen oder glatten Imagebroschüren auch nur ein wenig kennt, den verwunderten diese Reaktionen nicht. Der Einladung des Münchner Versicherungsgiganten, sich dem Dialog für die Schaffung einer wertschätzenden Arbeitswelt auch für Schwule und Lesben anzuschließen, folgte kaum einer der angeschriebenen Dax-Konzerne.

Nachholbedarf in der Wirtschaft

Kein Zweifel, viele Bereiche unserer Gesellschaft haben in den letzten Jahren erkennen lassen, dass es in Sachen Chancengleichheit für sexuelle Minderheiten vorangeht. Die Politik etwa brachte das Lebenspartnerschaftsgesetz und andere Initiativen auf den Weg. Klaus Wowereit, Guido Westerwelle, Volker Beck, Barbara Hendricks und weitere Mandatsträger leben offen und ohne größere Probleme ihre Homosexualität. Auch in Medien, Mode oder Unterhaltung sind sexuelle Minderheiten mittlerweile ziemlich selbstverständlich.

Die deutsche Wirtschaft dagegen zählt hier bislang kaum zu den Frontrunnern des Regenbogen-Fortschritts. Dennoch bewegt sich auch bei ihr mittlerweile etwas. Und dies nicht nur in Großunternehmen wie Allianz, IBM, Commerzbank, Post oder SAP, sondern auch in großen Business-Anwaltskanzleien wie White & Case oder Freshfields, die Mitarbeiterzahlen von Mittelständlern aufweisen und bis vor Kurzem noch als besonders traditionell gelten mussten.

Es ist auch wirklich an der Zeit, dass Deutschlands Businesswelt altes Denken abschüttelt. Nicht nur aus Gründen der Menschlichkeit und Chancengleichheit, sondern auch aus wirtschaftlichen Motiven. Denn weil wir immer weniger und immer älter werden, brauchen Firmen gut ausgebildete Schwule und Lesben mehr denn je. Und sie brauchen sie mit voller Leistungskraft. Die Forschung ist da ziemlich klar: Am produktivsten sind Mitarbeiter dann, wenn die Organisationen, in denen sie arbeiten, es ihnen erlauben, sie selbst zu sein: als Hetero- oder Homosexuelle, als Weiße oder Dunkelhäutige, als Christen oder Muslime, als Menschen mit oder ohne Behinderung. 

Verantwortung statt entgleisende Rückzugsgefechte

Wer sich darüber beschwert, weil die Sexualität keine Sache des Unternehmens oder der Öffentlichkeit zu sein hat, sondern privat sei, der hat natürlich recht. Nicht recht aber hat er, wenn er damit meint, dass all jene Dinge, die einen Menschen ausmachen, also auch die Gespräche am Arbeitsplatz über den Wochenausflug mit dem homosexuellen Lebenspartner oder dessen Foto auf dem Schreibtisch, nicht hör- und sichtbar sein sollten, weil sie die Mehrheit stören könnten. 

Vorbild für deutsche Bosse? Ja!

Dass auf dem Weg der Veränderung zu einer offenen Arbeitsatmosphäre für Schwule und Lesben Widerstände auch aus der sogenannten bürgerlichen Welt kommen, zeigen auch diesmal die Reaktionen auf Tim Cooks Worte. In der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) etwa warf die Autorin Christiane Hanna Henkel dem Apple-Chef Machtmissbrauch und Arroganz vor.

Wer ihre Zeilen liest, traut seinen Augen kaum. Man fühlt sich in Zeiten zurückversetzt, in denen Wirtschaftsführer allein dem Mantra folgten: "The business of business is business" (Milton Friedman). Gesellschaftliche Verortung und gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen sind in diesem verirrten Managementdenken vollkommen ausgeblendet.

Ein solches Verständnis von Unternehmenswelt können wir nicht wollen. Über diesen Geist des sogenannten Shareholder-Value sollten wir mittlerweile hinaus sein.

Doch nichts da. Genau in diesem Geist argumentiert Henkel, wenn sie sagt, sie respektiere Cooks Leistung als Apple-Chef, er sei aber kein Politiker oder Bürgerrechtler – und habe daher, so der Subtext, gefälligst zu seiner Homosexualität zu schweigen. Die NZZ-Chefredaktion distanzierte sich zwar mittlerweile von Henkels Kommentar, doch ihre Worte bleiben ausgesprochen und finden nicht wenige Anhänger.

Dabei ist das Gegenteil ihrer Auffassung richtig. Ein Unternehmensboss – ob Mittelständler oder Apple-Chef – ist nicht nur Chef, sondern Teil der Gesellschaft und in die wirkt er hinein. So oder so. Das gilt für einen heterosexuellen Dax-Vorstand, der mit seiner Frau zu einem Galaabend geht, ebenso wie für Tim Cook, wenn er über seine Homosexualität spricht.

Und beide sind in dem, was sie tun, auch immer politisch. Beide sind Bürger in herausgehobener Stellung, die ihre Rechte ausüben und zudem Pflichten und Verantwortung haben. So gesehen ist Tim Cook selbstverständlich auch politisch und bürgerrechtlerisch unterwegs. Gerade weil er mit seinen Äußerungen zu seiner Homosexualität zu verstehen gegeben hat, dass das Unternehmen und er selbst – als Boss und Mensch – Teil der Gesellschaft sind, ist er auch ein guter, wahrhaft engagiert-bürgerlicher Boss.

Man kann Apple nur zu diesem Boss gratulieren. Und Tim Cook selbst sowieso.

Vorbild für deutsche Bosse? Ja!

"Danke, Herr Cook, für diese Sichtbarkeit", lobt denn auch Kornelia Wenz, Führungsfrau bei der Telekom und Mitglied der Wirtschaftsweiber, dem lesbischen Business-Netzwerk. Und René Behr, Personalchef bei Hugo Boss und Vorsitzender des Völklinger Kreises, dem Berufsverband für schwule Führungskräfte, pointiert: "Endlich einer, der couragiert an der Spitze stehend Flagge zeigt und Vorbild ist."

Die Frage ist nun: Wann nehmen sich schwule und lesbische Bosse in Deutschland an Cook ein Vorbild?

Geht man davon aus, dass der Anteil von Schwulen und Lesben an der Gesamtbevölkerung zwischen fünf und zehn Prozent ausmachen, dann müsste es auch in Chefetagen viele von ihnen geben.

Gewiss, jeder darf selbst entscheiden, ob und wann er sich zu seiner Homosexualität bekennt, jedes Nichtouting ist zu respektieren. Doch gerade Top-Führungskräfte haben eine besondere Verantwortung – nicht nur für ihr Unternehmen, sondern auch der Gesellschaft gegenüber, in der sie erfolgreich wurden. Wäre es nicht an der Zeit, dass gerade sie sich als echte Bürger zeigen und etwas zurückgeben, indem sie ihre Homosexualität öffentlich machen?

Und wenn sie es nicht allein schaffen: Warum outen sich nicht gleich fünf oder sechs Vorstandsbosse und Mittelstandsunternehmer auf einmal? Die Republik würde auf- und durchatmen. Und alsbald einfach weiterleben und weiterarbeiten. Besser als zuvor.