Fuhr den leitenden Vatikanmitarbeitern der Schreck in die Glieder? Oder haben sie routiniert und gleichmütig zugehört, als die Weihnachtansprache von Papst Franziskus im Clemenssaal des Apostolischen Palastes wie ein Gewitter über sie hereinbrach? Leider waren Beobachter nicht zugelassen. Es wurde nur ein Bulletin mit dem Redetext veröffentlicht. Noch einmal machte Franziskus deutlich, wie er die Reform der Kurie angehen will: mit Predigten, mit Ermahnung, mit Hammerwörtern, mit Verunsicherung.

Frühere Päpste haben ihren Untergebenen zu Weihnachten gedankt und ihre Bedeutung für den Organismus der katholischen Weltkirche hervorgehoben, die eine Milliarde Gläubige und damit eine knappe Hälfte der Weltchristenheit vertritt. Franziskus schlug nach dem Dank einen Haken. Wo seine Vorgänger die Höhepunkte des Jahres in Erinnerung riefen, sprach er über Funktionsstörungen, die jeden Organismus und damit auch die Kurie befallen.

Im Angesicht der Freskomalereien von Engeln und beleibten Frauen, die Kardinaltugenden wie Klugheit und Mäßigung verkörpern, listete der Papst 15 Krankheiten der Kurie auf. Es wurde ein Jahresrückblick der anderen Art: In der päpstlichen Diagnose konnten die Mitarbeiter Skandale der letzten Monate wiederentdecken. "Unsere Umzüge sind ein Symptom der Raffgier", sagte Franziskus. Gerade meldeten die Agenturen den Umzug der früheren Nummer zwei im Vatikan, Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone. Für den Erzbischof, den Franziskus in den Ruhestand geschickt hatte, wurden im Vatikan zwei Luxuswohnungen mit zusammen 600 Quadratmetern zusammengelegt – zehnmal so viel wie der Papst belegt. 

Hartleibig hatte sich der umstrittene Chefpolitiker des früheren Papstes Benedikt XVI. über die weltweite Kritik hinweggesetzt. So viel Luxus zeige bloß eine innere Leere, zürnte Franziskus. Dahinter stehe keine Notwendigkeit, sondern eine Sucht nach Absicherung. Schon zu Ostern, nach der Besichtigung der Wohnung, hatte Franziskus im Petersdom allen "feisten, prunksüchtigen und eingebildeten" Geistlichen ein Leben empfohlen, in dem "die Armut ihre Schwester" sei.

Kritik an der Selbstinszenierung der Kirche

Vor den kurialen Führern geißelte Franziskus Reichtum und Durchstecherei. Dabei musste wohl jeder Zuhörer an die Neustrukturierung der Vatikanbank in diesem Jahr denken, die seit Jahrzehnten an der ökonomischen Glaubwürdigkeit des Vatikans kratzte. Die Erneuerung begann mit Streit und Indiskretionen. Zum Schluss förderte sie unversehens einige Geheimkonten der Kurie mit Millionenbeträgen zutage. Bis heute ist ungeklärt, woher sie kommen.

Zu Beginn seiner Ansprache kritisierte Franziskus die Selbstinszenierung einer unsterblichen, gegen alle Ansteckungen gefeiten und unersetzlichen Kurie. "Eine Kirche ohne Selbstkritik und die Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln, ist ein kranker Körper", griff der Papst die Vatikanführung an. Dabei benutzte er ein Schlüsselwort des Zweiten Vatikanischen Konzils, aggiornare, das die Öffnung der Kirche für die Fragen der Welt von heute bezeichnete. Dachte er an die Bischofssynode im Oktober? Dort hatte eine Öffnung der Kirche für wiederverheiratete Geschiedene und für Homosexuelle die nötige Zweidrittelmehrheit verfehlt. Das Treffen löste einen Streit zwischen Erneuerern und Traditionalisten aus, der das vergangene Jahr prägte und wohl auch das kommende begleitet.

Verweis auf Galater- und Philipperbriefe

Krankheit Nummer zehn ist nach Franziskus die Ergebenheit gegenüber den Verantwortlichen. Sie schaffe "kleinliche Menschen, elend und nur von ihrer tödlichen Selbstsucht beseelt". Der Papst verwies auf den Galaterbrief, in dem Paulus Hader, Zwietracht und Spaltungen als Früchte eines Lebens ohne Gott bezeichnet. Die Krankheit schaffe Menschen, die nur daran dächten, was sie bekommen, und nicht, was sie geben sollten. Greife die Krankheit auf Vorgesetzte über, werde Zusammenarbeit zur Komplizenschaft. Damit benannte der Papst ein typisches Problem höfischer Gesellschaften, wie sie die Kurie darstellt.

Dachte Franziskus an den Streit zwischen vatikanischer Gendarmerie und den farbenprächtigen Schweizergardisten mit ihren mittelalterlichen Waffen, als er Rivalität und Eitelkeit anprangerte? Oder an Kardinäle mit ihren handgeklöppelten Spitzengewändern? Aussehen, Kleidungsfarben und Ehrenzeichen würden zum Lebensziel, kritisierte er, statt auf die Bedürfnisse der anderen zu sehen. Und er hielt den kurialen Verantwortlichen den Philipperbrief entgegen: "Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst".

Für die Teilnehmer müssen es peinliche Momente gewesen sein, als der Papst ihnen nach dem Dank die Leviten las, bevor er am Schluss wieder versöhnliche Worte fand. In der übrigen Welt klingen sie mutig und ein bisschen revolutionär. Aber nur ein bisschen. Denn mit Predigten, Ermahnung, Hammerwörtern und Verunsicherung ist bisher noch keine Reform gelungen.