Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht eine "immerwährende Verantwortung" der Deutschen, die Erinnerung an die Gräueltaten der Nationalsozialisten wachzuhalten. In einer Gedenkfeier anlässlich der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 70 Jahren sagte Merkel in Berlin: "Auschwitz fordert uns täglich heraus, unser Miteinander nach Maßstäben der Menschlichkeit zu gestalten." Deutschland sei es den vielen Millionen Opfern schuldig, nicht zu vergessen.  

Auschwitz mahne auch heute, nicht den hasserfüllten Parolen gegen Menschen zu folgen, die in Deutschland ein neues Leben suchten. "Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verlangen stets unsere Aufmerksamkeit und unseren Einsatz". Alte und neue Feindbilder müssten als solche entlarvt werden. 

Es zeigten sich zwei Übel unserer Zeit: islamistischer Terrorismus und Antisemitismus, sagte sie mit Hinweis auf die Anschläge in Paris gegen die Satirezeitung Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt.

Merkel bezeichnete die Bedrohung von Juden in Deutschland als Schande und deren Schutz als Staatsaufgabe. Es sei wunderbar, dass heute wieder mehr als 100.000 Juden in Deutschland ihre Heimat hätten. Doch viele befürchteten Beleidigungen oder gar Übergriffe, "und das leider nicht ohne Grund". Es sei eine Schande, dass Menschen in Deutschland angepöbelt, bedroht oder angegriffen würden, wenn sie sich als Juden zu erkennen gäben oder für Israel Partei ergriffen. Dass Synagogen und jüdische Institutionen unter Polizeischutz stehen müssten, laste wie ein Makel auf Deutschland.  

Auf der Veranstaltung in Berlin sprachen auch die ehemaligen Häftlinge des Lagers Auschwitz-Birkenau, Eva Fahidi und Marian Turski. Turski verglich die Menschheitsgeschichte mit einem Staffellauf, jede Generation übernehme den Staffelstab von ihren Vorgängern. "Es bedeutet, dass wir Überlebenden euch unser Erbe, unseren Schatz an Erfahrungen übergeben. Gute und schlechte." Wenn heute jemand einen Juden, Bosnier, Türken, Israeli, Moslem oder Christen demütige, sei es so, als beginne Auschwitz von Neuem, sagte der 88-Jährige.

Gedenkveranstaltung mit 300 Auschwitz-Überlebenden

Die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee jährt sich am Dienstag zum 70. Mal. Zwischen 1940 und 1945 wurden dort etwa 1,1 Millionen Menschen ermordet, die meisten von ihnen waren Juden. Als sowjetische Soldaten das Lager im damals besetzten Polen am 27. Januar 1945 befreiten, fanden sie etwa 7.000 Überlebende vor.

300 Überlebende wollen am Dienstag an der Gedenkfeier in Auschwitz teilnehmen, zu der auch zahlreiche Staatsgäste erwartet werden. Deutschland und Österreich werden durch die Bundespräsidenten Joachim Gauck und Heinz Fischer vertreten. Aus Frankreich kommt Staatschef François Hollande, aus Belgien und den Niederlanden die Königspaare und die Regierungschefs. Der polnische Präsident Bronislaw Komorowski leitet die Zeremonie.

Russlands Präsident Wladimir Putin wird nicht kommen und lässt sich vom Leiter des Präsidialamtes, Sergej Iwanow, vertreten. Obwohl auch die USA und Israel bei den Feierlichkeiten nicht auf höchster Ebene vertreten sein werden, erregte Putins Fernbleiben Aufsehen.