Ich bin Atheistin – muslimische Atheistin. Das mit dem muslimischen kam ganz ohne mein Zutun. Ich wurde in eine türkisch-sunnitische Familie hineingeboren. Meine Mutter trägt ein Kopftuch und betet fünfmal am Tag gen Mekka. Gleichzeitig ist sie ein schönes Beispiel dafür, dass das Tragen eines Kopftuches durchaus nicht das Urteilsvermögen trüben muss. Meine Mutter hegt nämlich eine herzliche Abneigung gegen den großen Sultan Recep Tayyip Erdoğan. Sie findet, dass er sich wie ein Despot benimmt, und dass in einer Demokratie nicht immer einer alleine das Sagen haben kann. Meine Mama hat also das Konzept der Demokratie in groben Zügen verstanden, auch wenn sie nie eine Schule besucht hat. Das mit der Demokratie ist eigentlich auch nicht so schwierig, irgendwie ist der Wunsch nach Mitsprache und Grundrechten ganz menschlich und nicht nur westlich-menschlich oder christlich-menschlich.

Das mit dem Atheismus kam so: Ich war zehn Jahre alt und erbat von Gott schönes Wetter für meinen Geburtstag. Am Ende hatte ich eine ziemlich verregnete Feier und einen Knacks in meinem Verhältnis zu Gott. Da es in Deutschland aber ständig regnet, musste ich irgendwann annehmen, dass es da oben überhaupt niemanden gibt, der durchgreift und für meteorologische und sonstige Gerechtigkeit sorgt. Ich gebe zu, das ist die gekürzte Version. Andererseits, seit wann ist Komplexität beim Thema Islam gewünscht?

Ich verkündete also meiner kopfschüttelnden Mutter, dass es keinen Gott gibt. Eine Fatwa blieb aus. Es war Abendessenszeit und irgendwie hatten meine Brüder auch etwas anderes zu tun. Das Thema Religion war damals gar nicht so wichtig; auch wenn man das heute gar nicht glauben mag.

Identität ist auch das, was die anderen in uns sehen

Dann kam 9/11 und ich wurde ein zweites Mal ohne mein Zutun Muslimin. Identität ist nicht immer nur das, was wir morgens im Spiegel sehen, sondern auch das, was die anderen in uns sehen. Ich habe ja auch einen deutschen Pass und werde trotzdem als Türkin wahrgenommen. Irgendwann habe ich den Widerstand gegen die allgegenwärtige Fremdzuschreibung aufgegeben und entdeckt, dass es durchaus Freude bereitet, Menschen zu erschrecken. Dafür muss man nur die jährlich wiederkehrende Frage, ob man Weihnachten feiere mit einem knappen "Nein, ich bin Muslimin" beantworten.

Ich hätte natürlich auch aus meinem Status als kritische oder ehemalige Muslimin ein Geschäftsmodell machen, in Talkshows auftreten und das Zeitalter der Aufklärung für den Islam fordern können. Die Rolle ist in jeder Talkrunde nachgefragt und allzu oft schlecht  besetzt. Ich hätte einfach nur den Ekel runterschlucken müssen, den die schulterklopfende Anerkennung, die dann folgt, verursacht: Ah, eine emanzipierte Frau, die diese rückschrittliche Religion hinter sich gelassen hat und sich in unsere Gesellschaft integriert. Das finden alle ja so toll und so mutig! Als seien Muslime eine Art Lebewesen niederer Entwicklungsstufe – rückständige Geschöpfe, die sich nur durch Aufgabe ihres Glaubens weiterentwickeln können.

Auf die ganze Islamkritik könnte ich zwar auch ganz entspannt reagieren: Ich bin nicht gemeint; es geht mich also auch nichts an. Aber ist das so? Das Problem ist, dass die Argumentation irgendwie vertraut klingt. Wer als Türkin in Deutschland aufgewachsen ist, kennt Rassismen nur allzu gut: "Die Türken" seien aggressiv, rückständig und passten nicht in die hiesige Kultur. Heute sind es "die Muslime", die als aggressiv und rückständig gelten, als inkompatibel mit der westlichen Kultur.

Der Vorteil, den ich als muslimische Atheistin habe, ist, dass da keine religiösen Gefühle sind, die verletzt werden könnten. Ich kann über Mohammed-Karikaturen lachen, wenn sie leisten, was ein guter Witz leisten muss: die Wirklichkeit in ihren Paradoxien zeigen. Und auch die schlechten Karikaturen müssen gedruckt werden dürfen. Es muss sie ja niemand betrachten.

Wer Menschen tötet, weil sie den Propheten Mohammed abbilden, hat in erster Linie ein Intelligenzproblem. Er kann die symbolische Darstellung eines Objektes nicht vom Objekt selbst unterscheiden.  

Das findet übrigens auch meine Mutter.