Der Mann, der der Ukraine Gerechtigkeit bringen soll, hat einen wuchtigen Bauch. Viktor Schokin heißt er, ist 63 Jahre alt und seit gut einer Woche neuer Generalstaatsanwalt des Landes. 34 Mikrofone haben Reporter für seine erste Pressekonferenz in einem Saal am Kiewer Maidan aufgebaut. Als der weißhaarige Klotz von einem Mann zu reden beginnt, fegt er erst einmal einen Teil davon zu Boden.

Durchschlagende Rede kann man das nennen und irgendwie passt das zu dem, was Schokin schon bei seiner Ernennung angekündigt hatte: "Die Scharfschützen und die Leute, die sie beauftragt haben, wir werden sie finden – alle, und zur Verantwortung ziehen!" Das hatte er versprochen. Und Präsident Petro Poroschenko gab ihm gleich noch mit auf den Weg, ja das Wichtigste zu erledigen: die "offene Wunde des Maidan, die jeden Ukrainer immer noch schmerzt", zu schließen.

Es geht um den 20. Februar 2014 und die wohl schlimmsten und chaotischsten Tage, die die ukrainische Hauptstadt seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt hat. Vor einem Jahr starben mehr als 100 Menschen, der Euromaidan-Volksaufstand endete und der offene Konflikt mit Russland begann. Wer für die Toten verantwortlich ist, ist bis heute nicht unzweifelhaft geklärt.

Rückblick

Dienstag, 18. Februar 2014: Seit drei Monaten schlafen Tausende Ukrainer in Zelten auf dem Maidan oder in besetzten Häusern daneben, Anwohner bringen ihnen Lebensmittel und Brennholz. Die Fläche zwischen McDonald's, dem besetzten Gewerkschaftshaus und der Unabhängigkeitsstatue, von Barrikaden aus Schutt, Eisblöcken, Ladas, Wohnungstüren, Einkaufswagen, Möbelstücken, Kühlschränken und vor allem Autoreifen umzäunt, ist zum Synonym für die Revolution geworden. Auf dem Maidan steht und fällt der Volksaufstand. Haben seine Besetzer im November und Dezember hier vor der Bühne noch bei Pop- und Rockkonzerten getanzt, gleichen sie nun einer organisierten Volkswehr, gerüstet mit Katapulten, Gasmasken und Jagdgewehren.

Berkut, auf deutsch Königsadler, heißt die Spezialeinheit des Präsidenten Viktor Janukowitsch. Sie ist dem Innenministerium unterstellt und hat seit Beginn der Demonstrationen mehrmals versucht, den Maidan zu räumen, mit Tränengas und Wasserwerfern, aber ohne Einsatz von Schusswaffen. An diesem Abend rücken die Berkut-Männer ab 20 Uhr wieder vor. Hunderte Molotowcocktails fliegen durch die Nacht. Die Autoreifen auf den Barrikaden gehen in Flammen auf. Es fallen Schüsse.