Das öffentliche Echo gibt den Künstlern recht. Plötzlich war der kleine Spartensender Gesprächsthema in den Medien. Plötzlich wurde die zuständige Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg von einer Welle von Beschwerden überrollt. Und plötzlich trauten sich auch ehemalige Mitarbeiter von Astro TV aus der Defensive. Vielleicht war das der eigentliche Erfolg. Denn erst sie lieferten den Verfassern der Online-Petition die Munition, die man braucht, um die Forderung nach einem Entzug der Senderlizenz zu untermauern. Der bloße Hinweis auf "haarsträubende Prophezeiungen" durch sogenannte Hellseher reicht da nicht aus. "So eine Beratung ist ja erst mal nichts Negatives", sagt Suchttherapeut Christoph Teich. "Wenn der Anrufer glaubt, er könne sein Problem lösen, ist er schon mal viel optimistischer."

Problematisch werde es in dem Moment, wo eine persönliche Bindung entstehe und der Anrufer versuche, Verantwortung an den Heiler abzugeben. Doch genau darauf liefen solche Gespräche doch hinaus, schließlich verdiene der Sender sein Geld damit. Ein interner Leitfaden, der Christ&Welt vorliegt, gibt Mitarbeitern sogar Gesprächsbeispiele, wie sie Kunden gezielt manipulieren können. Zum Beispiel eine Frau, die sich fragt, ob sie ihr verheirateter Lover tatsächlich liebt. "Ich habe eine gute Nachricht für Sie, Frau Müller. Die Karten zeigen an, dass eine Trennung Ende des Jahres bevorsteht. Es sieht so aus hier in den Karten, dass es nach der Trennung schnell zu einer festen Bindung mit Ihnen kommt." Die Kundin ist noch skeptisch. Diese Skepsis könne der Mitarbeiter auflösen, indem er zum Beispiel erwähne: "Da nach einem Familienfest im Dezember eine klärende Aussprache zwischen den Eheleuten erfolgt und es dann zur Trennung kommt." Betrug à la carte. Und Astro-TV ist nur das Aushängeschild der Adviqo AG, dem Marktführer für Lebensberatung. Unter ihrem Dach bündelt die AG 14 Internetportale und Hotlines, von Horoskop.de bis zum Telefonanbieter Viversum (Spirituelle Lebensberatung). Sie alle sind auf der Homepage von Adviqo aufgelistet. \Dort wird mit dem Slogan geworben: "Die ganze Welt der Spiritualität". Auf der Homepage präsentieren sich die Anbieter als Freund und Helfer in allen Lebenslagen. "Wir befähigen Menschen, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen, indem wir Orientierung geben und ihre innere Stärke entwickeln", heißt es da in schönstem Psychotherapeuten-Sprech. Der Alltag sieht jedoch anders aus. Das berichten ehemalige Mitarbeiter, die sich nach dem Echo auf die Guerilla-Aktion von Peng! bei Christ&Welt gemeldet haben. Ihre Vorwürfe sind nicht neu, aber so gravierend, dass man sich fragt, wie es der 2004 gestartete Sender bislang jedes Mal geschafft hat, seine Lizenz zu verlängern – die aktuelle ist befristet bis zum 31. Mai 2018.

Wenn es stimmt, was diese Informanten sagen, dann praktiziert Astro-TV in seinen Call-in-Sendungen dieselben Methoden, die einst dem Verkaufssender Neun Live zum Verhängnis geworden sind: Nach der Gewinnspielsatzung, die auch für einen Sender wie Astro-TV gilt, muss ein Zufallsgenerator nach einem bestimmten Algorithmus jeweils den x-ten Anruf aussuchen, der dann durchgestellt wird. Glaubt man den Mitarbeitern, dann ignorieren die Moderatoren diesen Zufallsgenerator nicht nur konsequent, um die Zahl der Anrufe in der Warteschleife zu erhöhen. Sie befördern diesen Prozess auch, indem sie behaupten, "Ach, schon wieder ne Auflegerin, schade." Jetzt seien die Leitungen frei, die Zuschauer sollten schnell anrufen.

34 Cent kassiere Astro-TV für jeden Anruf aus dem Festnetz nach Abzug von Mehrwertsteuer und Providerkosten – unabhängig davon, ob der Anrufer durchgekommen ist oder nicht. Anders sei dieses Geschäftsmodell auch nicht finanzierbar. "Eigentlich kann es sich nur mit betrügerischen Manipulationen rechnen, wobei eine betrügerische Manipulation nicht dargestellt werden kann", sagen Insider.

Der Hinweis darauf, dass auch nicht durchgestellte Anrufe kostenpflichtig sind, läuft während der Sendung kleingedruckt als Kriechtitel am unteren Bildrand. Der Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg reicht das als Ausweis der Glaubwürdigkeit des Senders. Die Pressesprecherin sagt, die Vorwürfe der Mitarbeiter könne man nur prüfen, wenn sie den Betrug mit Sendeprotokollen für jede einzelne Sendung nachweisen könnten – bis auf die Minute genau. Die Moderatoren von Adviqo sind fast alle Freiberufler. Wer von ihnen würde seinen Job dafür riskieren?

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass Astro-TV jede Stellungnahme zu den Vorwürfen verweigert. "Wir haben uns bereits vor einiger Zeit gegen weitere Stellungnahmen gegenüber Medienvertretern entschieden, nachdem wir leider einige negative Erfahrungen bezüglich der einseitigen Berichterstattung machen mussten", heißt es in einer E-Mail des Unternehmens.

"Die wissen, dass ihnen keiner was nachweisen kann, und halten den Ball bewusst flach", sagt ein ehemaliger Mitarbeiter, der selber als Producer von Call-in-Sendungen gearbeitet hat.

Immerhin hat die Aktion von Peng! den wunden Nerv des Unternehmens berührt. "3,5 Millionen Kunden weltweit" bedient Adviqo laut Homepage. Es geht um Geld, um viel Geld. Rund 90 Millionen Euro Umsatz soll der Konzern pro Jahr erwirtschaften, Tendenz: bislang immer steigend.

Ein System, das nicht nur von der Not der Anrufer lebt, sondern deren Leidensdruck auch noch verstärkt. "Die Sucht entsteht ja durch die Unmittelbarkeit des Angebots", sagt der Therapeut Christoph Teich. "Ein Antidepressivum wirkt erst nach zwei Wochen. Eine Hotline oder den Sender aber kann ich anrufen, wann ich will."

Ein Teufelskreis. Teich sagt, er habe 2007 versucht, in München eine Selbsthilfegruppe für Opfer zu gründen. Anfragen genug habe es gegeben. Aber zum ersten Treffen sei niemand gekommen. Traurig, aber wahr: Das Schweigen der Opfer ist der effektivste Schutz für die Branche.