Gleich zu Beginn habe ich es falsch gemacht. "Gehen wir ein bisschen über den Strand", habe ich gesagt, und bin dann gleich losgelatscht, mit Havaianas an den Füßen über den heißen Sand von Ipanema, den Badegästen auf ihren Klappstühlen entgegen und dem Rauschen der Wellen. Hinter mir: Carolina Brasil, Schauspielerin, Ballerina, Model, Designerin einer eigenen Linie von Luxusbikinis und insgesamt so eine Art It-Girl from Ipanema. Sie hat am Bürgersteig ihre Sandalen abgestreift, natürlich, und holt mich in sanftem Wiegeschritt wieder ein. Ihre Schuhe baumeln an ihrer Hand. So macht man das hier. Mit Sandalen läuft man nicht über den Sand, das ist eine Benimmregel und mein Verstoß ganz sicher ein Fauxpax. Carolina Brasil strahlt darüber hinweg und schiebt eine düstere Sonnenbrille auf der Nase zurecht. "Dann wollen wir doch einmal sehen, wer sich hier an der Ipanema stilvoll benimmt und wer nicht."

"Am Strand sind alle Menschen gleich" – den Spruch hört man viel in dieser Stadt. Am Strand von Rio liefen die Millionäre und die Armen über den gleichen Sand, sie trieben gemeinsam Sport, sprängen ins selbe Wasser und seien in ihren knapp gehaltenen Bademoden kaum voneinander zu unterscheiden. Ruy Castro, ein brasilianischer Schriftsteller und intimer Kenner der Stadtgeschichte, hat das einmal so erklärt: "Rio reduziert jeden, woher er auch kommen mag, wie berühmt oder reich er auch sein mag, auf ein Hemd, das nach draußen getragen wird, ein Paar Bermudas und ein Paar Flipflops". Am Strand von Rio, mit anderen Worten, beginne die Überwindung der Klassen.

Da ist man sich aber gar nicht mehr sicher, wenn man erst ein paar Stündchen mit Carolina Brasil verbringt. "Von strengen Benimmregeln kann man hier eigentlich nicht sprechen", sagt sie, "aber es gibt doch Verhaltensweisen, die typisch sind für ein Stadtviertel und einen Strand. Die kann man sich aneignen, um dazu zu gehören."

Kann man machen. Alternativ kann man es auch sein lassen, dann wird einen auch niemand vertreiben. Aber es stimmt schon: Brasilianische Strandbesucher schauen intensiv und neugierig auf alle anderen Strandbesucher. Wenn ihnen etwas nicht gefällt, praktizieren sie subtile, ironische Formen der Ausgrenzung, und wenn zu viele solcher Leute aufkreuzen, gehen sie woanders hin und lassen die Banausen allein. Es kann einem egal sein, aber man wird es merken. Carolina Brasil sagt: Sie gebe da gerne Tipps.

Benimmregeltour für Ipanema

Gemeinsam mit einer Freundin, Susanne Weber, einer Expertin für die Umzüge wohlhabender Manager nach Rio de Janeiro, veranstaltet Carolina Brasil neuerdings eine Benimmregeltour für Ipanema. Das Basisangebot ist eine stramme Wanderung am Strand entlang, 2 Stunden für 45 Euro pro Person. Es kann schnell sehr viel teurer werden, denn Helikopter oder Shoppingtrips mit der Ehefrau des Konzernchefs kosten extra.

"Besuchern muss man erst mal erklären, wo man hier einen Bikini tragen darf und wo nicht", erklärt Carolina Brasil. "Das verstehen so viele Leute falsch!" Beim Sport – Futevolley und Altinha, wo es darauf ankommt, notfalls mit heldenhaften Sprüngen den Ball in der Luft zu halten – zieht man sich, vor allem als Frau, etwas über den Bikini. Beim Überqueren der Promenade auf die andere Straßenseite tut man das ebenfalls. Und im Restaurant erst recht, selbst wenn es gleich am Strand liegt und das Drübergezogene nichts weiter darstellt als ein völlig durchsichtiges Häkelkleid. All diese Dinge zieht man wieder aus, sobald man ein Sonnenbad nimmt. Man nimmt auch kein Frotteetuch mit an den Strand. Das ist ein Klassiker unter den Ipanema-Tipps, höchstens ein dünnes bedrucktes Stück Stoff, das Kanga heißt. Und man reibt die Sonnenmilch so gründlich ein, dass keine weißen Schlieren bleiben.

Die Liste geht weiter und weiter. Da sind die Moderegeln der Strandviertel von Rio de Janeiro, die sich von denen in anderen Stadtteilen unterscheiden: Lockere weite Kleidung, Hippiechic und flache Sandalen, weil man große Distanzen zu Fuß überwindet und nicht bloß mit dem Auto herumfährt wie anderswo. Man frequentiert bestimmte Strandabschnitte, wo man seinesgleichen vermutet: Carolina Brasil zum Beispiel steuert zielsicher einem Getränkestand bei der Lebensretterstation Nummer 9 entgegen, wo statt der populären Bierdosen Weißweincocktails mit frischen Früchten drin gereicht werden. "Und nicht vergessen: Man duscht und macht sich schön, bevor man an den Strand geht!" sagt sie.