ZEIT ONLINE: Herr Schiwy, Sie waren von 1984 bis 1987 Intendant des Rias Berlin. Gab es zu ihrer Zeit auch schon Shitstorms?

Peter Schiwy: Es gab Leserbriefe und Telefonanrufe. Am schlimmsten war es, als ich einmal eine Sendung über peruanische Hirtenmusik absetzen ließ. Es kamen zu diesem – bei aller Kulturverliebtheit – doch exotischen Thema jede Menge Briefe. Wie sich später herausstellte, waren die allerdings alle von einem iberoamerikanischen Institut.

ZEIT ONLINE: Sie waren seit zwei Jahren Intendant, als die Atomkatastrophe von Tschernobyl geschah. Die Russen versuchten lange, das Ereignis zu vertuschen. Ahnten Sie das damals?

Schiwy: Es war offensichtlich. Sie rückten ja immer nur scheibchenweise mit der Wahrheit heraus – typisch für das russische Prinzip amtlichen Informierens: Meist fakten- und wahrheitsschwach. Uns war damals klar, dass sie sich mit ihrer Informationspolitik nur selbst schadeten.

ZEIT ONLINE: Wäre so ein Informationsdesaster wie Tschernobyl heute noch denkbar?

Schiwy: Nein, sie haben gelernt. Die Russen sind inzwischen viel geschickter, denn sie haben die Schwächen westlichen Medienkonsums verstanden. Sie nutzen die Unübersichtlichkeit und das Abstumpfen vieler Leser, Zuschauer und Hörer bei uns. Viele wollen den Dingen gar nicht mehr auf den Grund gehen. Sie wollen ihre Ruhe.

ZEIT ONLINE: Wollten das die Leute zu ihrer Zeit nicht?

Schiwy: Deutschland und speziell Berlin waren trotz der vielen Entspannungsbemühungen damals der wichtigste Schauplatz der Konfrontation zwischen Ost und West. Den meisten war klar, was das bedeutete.

ZEIT ONLINE: Nämlich?

Schiwy: Salopp gesagt: Wem man vertrauen konnte. Die Medien bei uns  stecken heute in einer Glaubwürdigkeitskrise. Wir hatten das Problem damals nicht.

ZEIT ONLINE: Wirklich? Selbst der spätere SPD-Bürgermeister Walter Momper nannte den Rias damals ein US-Propagandainstrument. Der Sender unterstand der US Information Agency, die ihn leitete und mitfinanzierte.

Schiwy: Momper ging es damals darum, dem Rias deutsche öffentlich-rechtliche Rundfunkgremien zu verpassen. Dabei waren die Gespräche mit den Amerikanern viel unkomplizierter als die mit deutschen Rundfunkräten. Natürlich wollten die Amerikaner mithilfe des Rias bei den Ostdeutschen Sympathien für westliche Werte wecken. Bei diesen Werten aber rangierten die Freiheit der Medien und der Meinungsäußerung mit an vorderster Stelle. Mir ist nicht ein Fall in Erinnerung, in dem sie mir reingeredet hätten. Die einzige Vorgabe lautete immer: Es gelten die Regeln der freien Presse. Ihre größte Sorge war, dass wir einseitig berichten könnten.

ZEIT ONLINE: Und die Amerikaner haben sie nicht auch mal freundlich auf wichtige Ereignisse hingewiesen?

Schiwy: Es ist überhaupt nur einmal passiert, dass ein US-Beamter in unseren Newsroom kam. Das war nach dem Attentat auf Präsident Reagan. Der war aber auch nur da, weil er zufällig in der Nähe des Senders war und bei uns US-Rundfunk hören wollte.