Der baden-württembergische Ministerpräsident und bekennende Christ Winfried Kretschmann wirft der katholischen Kirche vor, von Zwang beherrscht zu sein. "Mich irritiert vor allem, wie viel Angst in unserer Kirche regiert", sagte der Grünen-Politiker der ZEIT. "Die Dogmen lasten wie ein Alb auf uns Gläubigen." Dass die Kirche nicht zugeben könne, zu irren, könne Kretschmann am schwersten ertragen.

Das Problem seien nicht die Dogmen an sich, sondern dass die Kirche sie alle für richtig halte, sagte der Grünen-Politiker weiter. "Auch wenn manche es noch nicht wahrhaben wollen: Die Zeiten sind vorbei, in denen die Hierarchie Debatten einfach für beendet erklären konnte", sagte Kretschmann.

"Ich glaube einfach nur das, was ich glaube", sagt der praktizierende Katholik, "anders kann ich nicht glauben". Kretschmann kritisiert, die katholische Kirche habe sich zu stark auf Themen wie Verhütungsfragen konzentriert: "Ob man etwa Kondome benutzt, das hat mit der Nachfolge Christi so viel zu tun wie die Frage, ob man mit Messer und Gabel isst oder lieber mit den Händen. Welcher Mensch kann da noch eine Brücke zum Evangelium schlagen?"

Der Grünen-Politiker empfiehlt den christlichen Kirchen mehr Optimismus: Nie zuvor sei eine Gesellschaft so vom Evangelium geprägt gewesen wie die heutige, sagte der Ministerpräsident. "Das Evangelium wird doch in unserer heutigen Zeit mehr denn je gelebt – bloß dass es nicht immer draufsteht", sagte Kretschmann. Man müsse beispielsweise nur die Ideale des Sozialstaats oder die im Grundgesetz garantierte Menschenwürde nehmen. Das seien doch durchgreifende Erfolge des Evangeliums in der heutigen Welt.