Natürlich kann man ins Grübeln kommen beim Lüneburger Prozess gegen den ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning, dem Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen zur Last gelegt wird. Wenn man die Bilder des 93-Jährigen im Gerichtssaal in Lüneburg sieht, drängt sich die Frage geradezu auf, ob das denn sein muss. Genauer: Zu welchem Zweck wird ein Greis noch vor Gericht gestellt, für Taten, die mehr als 70 Jahre zurückliegen? Und so klar auch die juristischen Antworten ausfallen mögen, es bleibt doch immer ein Rest Zweifel, ein Schatten von Ungewissheit, was richtig ist und was nicht.

Die erste Antwort auf die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieses Verfahrens lautet ganz schlicht: Mord verjährt nicht. Darauf hat sich dieses Land vor Jahrzehnten und unter Schmerzen verständigt, aus guten Gründen, und genau mit der Absicht, keinen Nazi-Henker, keinen SS-Mörder ungestraft davonkommen zu lassen. Das aber heißt unweigerlich, dass auch ein Mann wie Oskar Gröning oder einer wie John Demjanjuk, der Wachmann im Vernichtungslager Sobibor war, vor Gericht gestellt werden muss. Ganz gleich, wie alt er ist, wenn Anklage gegen ihn erhoben wird. Das ist die notwendige Konsequenz aus der Aufhebung der Verjährungsfristen für Mord. Es war klar und beabsichtigt, dass Alter nicht vor Verfolgung schützen sollte.

Aber, kann man weiter fragen, was ist der Sinn eines solchen Verfahrens? Ein Prozess ist ja kein blanker Formalismus, er muss einen gesellschaftlichen Zweck erfüllen. Das ist, anders formuliert, die klassische Frage nach der Funktion von Strafe. Üblicherweise heißt es, der Täter solle davon abgehalten werden, noch einmal gegen das Gesetz zu verstoßen. Nur ist es ja zum Glück so gut wie ausgeschlossen, dass ein alter, müder, geständiger Mann daran noch einmal besonders deutlich erinnert werden müsste. Oskar Gröning wird voraussichtlich nie wieder einem anderen Menschen ein Haar krümmen, und er wird nie wieder auch nur annähernd in eine vergleichbare Situation wie die in Auschwitz kommen.

So bleibt nur, was die Juristen die "Generalprävention" nennen: die unmissverständliche Botschaft nicht nur an den Täter, sondern an die Gesellschaft insgesamt, und an die Welt, dass Rechtsbrüche nicht hingenommen werden, dass sie bestraft werden, dass die Herrschaft des Rechts wieder hergestellt wird, wenn es verletzt worden ist. Ganz gleich, wer der Täter ist, (fast) egal, wie lange die Tat zurückliegt. Das ist, pathetisch gesprochen, das Signal, das auch von solchen Prozessen wie dem in Lüneburg ausgeht, an die Völkermörder, Folterknechte und Gewaltherrscher in aller Welt: Seid euch nie sicher, dass ihr davonkommt!