Genug des ritualhaften Gedenkens!

von Raoul Löbbert

Siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird mal wieder viel gedacht in Deutschland. Beinahe täglich verstummen Politiker in den KZ-Gedenkstätten vor der historischen Schuld, neigen, ein "Nie wieder!" auf den Lippen, die Köpfe, beschwören wie der brandenburgische Ministerpräsident Dietmar Woidke bei einer Gedenkfeier für die in Ravensbrück und Sachsenhausen Ermordeten die bundesrepublikanische "Erinnerung". Diese "Erinnerung", so Woidke, kenne nur einen Anfang, aber keinen Schlusspunkt. Sie vergesse nicht, denn sie darf nicht.

Große Worte beweisen geläuterte Gesinnung, spornen uns an. Schuld darf bloß nicht zur Geschichte gerinnen. Als knochiger Finger zeigt jedes Wort direkt auf uns: "Memento Nazi", mahnt es. Denn die Wunde soll bluten auf ewig. Und es ist ja gut gemeint, und der Wille ist ja unschuldig und rein, und Martin Walser hatte ja auch unrecht 1998 in der Paulskirche, als für ihn die Ritualisierung des Auschwitz-Gedenkens verdächtig nach Instrumentalisierung roch. Dabei ist beim Beschwören ewiger Erinnerung – in dem Punkt hat Walser leider recht – nur der Wunsch der Vater des Gedankens. Unser kollektiver Wille soll Wirklichkeit schaffen und dabei ignorieren, dass die Zahl derer, die sich aktiv erinnern, kleiner wird.

Den noch lebenden Überlebenden wird dabei, wie bei der Gedenkfeier in Ravensbrück, sogar schon mal Suppe in Plastikschüsseln vorgesetzt, während am Ehrentisch der Bundespräsident seinen Braten mit dem Silbermesser schneidet. Immer gebeugter werden die SS-Chargen, über deren Banalität des Bösen wie bei Oskar Gröning in Lüneburg deutsche Richter richten sollen. Doch wir denken, es gehe immer so weiter: Die Opfer bleiben, die Mörder altern, bleiben aber unter uns.

So sehr haben wir uns daran gewöhnt, dass Erinnerung und Verdrängung wie zwei Seiten einer Medaille zu unserer deutschen Psyche gehören, dass wir uns eine Erinnerungskultur ohne Erinnerung nicht vorstellen wollen. Statt das Undenkbare zu denken und den Nationalsozialismus zur Geschichte zu erklären, machen wir die Schuld zur Erbschuld: Opfer-Enkel erinnern sich in Vorabenddokus über das tapfere Erdulden ihrer Ahnen auf dem Weg ins deutsche Gas. Spiegel-Redakteure ziehen sich Vaters Schuld wie Schuhe an und fragen sich auf 40.000 Zeichen, ob der Täter auch in ihnen schlummert. Und die alten Schuhe sitzen gut: Sie drücken, wo sie sollen, und sind im Ganzen ganz bequem. So sehr haben wir uns eingelebt in unserer Erinnerungskultur, dass wir nicht sehen wollen, wie sehr Wille und Wirklichkeit bereits auseinanderdriften.

Im Jahr 2012 ergab eine Studie des Forschungsverbunds SED-Staat, dass jeder zweite Schüler den Nationalsozialismus nicht für eine Diktatur hält. Mitschuld an diesem Ergebnis sei, so die Forscher, auch die ritualisierte Erinnerungskultur: Schulklassen würden in einem "Gedenkstättenhopping" kaum vorbereitet von Mordstätte zu Mordstätte gefahren. Das aber hinterlasse bei vielen nur ein "Durcheinander im Kopf". Sie verstünden nichts, fühlten nichts. Und es ist ja auch schwer, Jugendlichen heute zu erklären, warum ein Krieg, in dem nicht mal mehr Opa kämpfte, weniger historisch ist als die Völkerwanderung. Es ist so, weil es so ist, heißt es dann. Alles andere sei geschichtsvergessen, relativierend, falsch. Ach wirklich?

Bereits seit Jahren beklagen Erziehungswissenschaftler, wie es in dem Sammelband Schule und Nationalsozialismus. Anspruch und Grenzen des Geschichtsunterrichts aus dem Jahr 2004 heißt, dass der Geschichtsunterricht den Schülern zu wenig "Pluralitätsspielraum bei der Aneignung des Stoffes" eröffne. Statt die Kompetenz zu vermitteln, historische Fakten einzuordnen, werde der Unterricht "zum Tribunal über die moralische Haltung der Schüler". Die beglaubigte Gedenkfähigkeit entscheidet nicht nur über Zensuren, sondern wird zum Ausweis für gute deutsche Identität. Die Folgen sind bei vielen Schülern aber gerade nicht Mitgefühl, Trauer und Betroffenheit, sondern Ablehnung, Desinteresse und Fummeleien aus Langeweile im Stelen-Wald des Holocaust-Mahnmals.

1945 – ein Jahr zwischen Krieg und Frieden. Hier gelangen Sie zu unserem Schwerpunkt. © Allan Jackson/Hulton Archive/Getty Images

So umstellt von Tabus ist heute unser Umgang mit der angeblich jüngsten deutschen Geschichte, dass eine Gymnasiallehrerin, wie neulich in Berlin, eine staatsanwaltschaftliche Ermittlung erwartet, wenn sie ihre Schüler die manipulative Wirkung von Musik untersuchen und das Horst-Wessel-Lied summen lässt. Vom Führer ganz zu schweigen. So wunderte sich der israelische Historiker Moshe Zimmermann in der ARD, warum er in Israel eine historisch-kritische Ausgabe von "Mein Kampf" herausgeben kann, dies deutschen Historikern aber unmöglich ist. Ja, warum?

Haben wir so wenig Vertrauen in unsere gut geölte Erinnerungskultur, dass wir das grausam schlecht geschriebene Geseire eines politischen Triebtäters für das gedruckte Böse schlechthin halten? Sind wir immer noch so blond und blauäugig, dass wir insgeheim Unzucht mit der Geschichte treiben wollen? Und wenn ja, was hat uns die Erinnerungskultur dann gebracht? Oskar Gröning zumindest bekannte sich schuldig. Er hielt seine Erinnerung nicht mehr aus. Und wie klein sah der SS-Mann aus dabei. Nein, da saß nicht das Böse auf der Anklagebank, sondern ein gewöhnlicher Mensch mit dunkler Vergangenheit.

Man kann seine Taten nicht erfühlen, man kann sie analysieren, dokumentieren, interpretieren. Über den Mann kann man richten, man muss es. Es wird nicht mehr viele Männer wie ihn geben auf der Anklagebank. Bald ist da keine Erinnerung mehr, nur noch Erinnerungskultur. Dann wird niemand wissen, wie sich Auschwitz anfühlte. Was dann? "Eine neue Welt entsteht vor unseren Augen", schrieben Alexander und Margarete Mitscherlich 1967 in Die Unfähigkeit zu trauern, "aber es verlangt die meisten Menschen unseres Landes kaum danach, sich verlässlich zu informieren, die Manipulation zu durchschauen, denen ihre Wertvorstellungen dauernd unterworfen werden." Bequemlichkeit ist die wichtigste Konstante der Geschichte.