Demokratie und Christentum passen nicht zusammen. Sagt die katholische Kirche. Deshalb trägt sie ein Demokratiedefizit tief in ihren Genen. Denn, so heißt es, nicht das Volk, sondern Christus sei der Souverän der Kirche. Und wo sich ein Volk eine Verfassung gebe, da regle das Evangelium das Zusammenleben der Christen. Das meint zum Beispiel Kardinal Kurt Koch, der aus der demokratischen Schweiz stammende Präsident des vatikanischen Einheitsrates. Deshalb ist die katholische Kirche eine Monarchie. Nur Geweihte haben das Sagen, denn sie stehen in einer besonderen Beziehung zu Christus: Der Papst, der Bischof, der Pfarrer. Laien dürfen viel vorschlagen und mit beraten, aber letztlich nichts bestimmen.

 

Koch ist für die Beziehungen mit den anderen Kirchen zuständig, auch mit den Protestanten. Deren Synode, also ihr Parlament, trifft sich gerade im Würzburger Kongresszentrum. Die 120 Parlamentarier aus 20 evangelischen Landeskirchen beraten, sie stimmen ab, sie bilden Ausschüsse für Theologie, für das Verhältnis zwischen Kirche und Staat und für das Kirchenrecht, also auch für ihre Verfassung. Und sie wählen. Für das Präsesamt, also den Vorsitz der Synode, hat die frühere Bundesbauministerin Irmgard Schwaetzer die besten Chancen. Unter ihrer Führung soll die Synode im kommenden November den 15-köpfigen Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wählen und dessen Vorsitzenden. Derzeit ist das der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Ein Bischof und eine Nichttheologin – so sieht für Protestanten eine gute Kirchenspitze aus.

 

Die evangelischen Kirchen halten die Demokratie für kirchengemäß. Sie sind, anders als Katholiken, überzeugt, dass Christus zu jedem Christen eine direkte Beziehung pflegt. Deshalb kann jeder mitreden. "Was aus der Taufe gekrochen ist, das mag sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei", schrieb Martin Luther. "Obwohl es nicht jedem ziemt, dieses Amt auch auszuüben." 1523 befand der Reformator in einem Gutachten, "dass eine christliche Versammlung oder Gemeinde Recht und Macht habe, über alle Lehre zu urteilen und Lehrer zu berufen, ein- und abzusetzen". Das folgerte er aus der Bibel. Und aus den frühen Jahrhunderten des Christentums. Da wurden die Bischöfe vom Volk gewählt. Doch zu Luthers Zeiten herrschte der Absolutismus. Deshalb bildeten die reformierten Protestanten zuerst in Schottland und den Niederlanden Synoden, in denen jeder mitbestimmen konnte. Die Protestanten gaben damit ein Vorbild ab für den englischen Parlamentarismus. Aus diesen Ländern wanderte die kirchliche Demokratie nach Deutschland ein. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat der Protestantismus die demokratische Idee auch in der deutschen Politik beflügelt. Das erklärt, warum heute neun der 16 Bundesminister evangelisch sind, die meisten sogar mit engen Beziehungen zur Kirche. Gesundheitsminister Hermann Gröhe gehört zur Synode, die sich in Würzburg trifft. Innenminister Thomas de Maizière ist Präsidiumsmitglied des Evangelischen Kirchentages, der Anfang Juni mehr als 100.000 Teilnehmer in Stuttgart versammelt. Außenminister Frank-Walter Steinmeier soll 2019 sogar Kirchentagspräsident werden. Mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Generalsekretär Peter Tauber stehen selbst in der früher katholisch dominierten CDU zwei Protestanten an der Spitze.    

Das Christentum wird laut Statistik ein Drittel seiner Mitglieder verlieren

In Parlamenten wird gestritten. Da bilden Synoden keine Ausnahme. Auch das ist evangelisch. "Das Wort Gottes muss zu Felde liegen und streiten", sagte Luther. Bei Meinungsverschiedenheiten über das Verständnis der Bibel sollten die Ansichten ruhig aufeinanderprallen. Wahrheit, war Luther überzeugt, muss erkämpft und nicht von oben verordnet werden. Deshalb kennen evangelische Synoden Kampfabstimmungen und Kampfkandidaturen. Mitunter verhaken sie sich in Geschäftsordnungsfragen und produzieren Kompromisstexte, lang und langweilig.

Die Synode in Würzburg soll das Reformationsjubiläum 2017 vorbereiten. Sie soll einen Appell verabschieden, dem Elend der Flüchtlinge im Mittelmeer nicht länger auszuweichen. Und sie lässt sich über den wichtigsten evangelischen Kirchenschatz berichten. Das ist die Lutherbibel. Die wird derzeit überarbeitet, sodass man sie auch künftig verstehen kann. In den nächsten Jahren muss sich die Synode damit befassen, wie sich die Kirche kleiner einrichtet. Denn beide Kirchen verlieren in der kommenden Generation ein Drittel ihrer Mitglieder, sagen Statistiker. Das Christentum verliert an Prägekraft.

Deshalb müssen die Christen eigentlich vor allem wieder lernen, einfach zu sagen, wer Gott ist, wie man Christ wird und was die Kirche will. Ob die Synode dazu Beiträge leistet, das ist offen. Die Protestanten tun sich schwer damit. Dabei gibt es die einfachen Sätze. Zum Beispiel: "Die Kirche ist keine Zollstation. Sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben." Doch er stammt, wie viele andere, von Papst Franziskus, der mit Demokratie in der Kirche gar nicht viel im Sinn hat.