Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne finden Sie hier – und auf seiner Website.

Es gibt deutsche Tageszeitungen, die buchstäblich nichts tun – außer einem: Mehr oder minder wahllos zu sammeln, was in der Welt geschieht, und dazu penetrant und auf anspruchslosem Niveau festzustellen, wer daran "schuld" sei. Man könnte das Wesen solcher Publikationen als "Schuld-Maschinen" beschreiben: Sie produzieren Tag für Tag eine dumpfe, kleinrahmige, hochgradig personalisierte Vorstellung von Schuld, meistens von der moralischen Sorte, welcher der Strafantrag des Häme-Prangers sogleich folgt. Das ist nicht verboten, auch nicht richtig schlecht, bloß dumm. Die Redakteure, die solche Zeitungen machen, behaupten, dass es exakt dieses Maß an Dummheit sei, was die Masse ihrer Leser wünsche und intellektuell bewältigen könne. Ihr Tun nennen sie Weltdeutung.

Woher kommt die Schuld?

Der Schimpanse als solcher ist frei von Schuld. Das gilt sogar, wenn wir ihn als unsereins verkleiden. Dann hüpft er in der Manege umher oder auf dem Bildschirm und imitiert Verhaltensweisen der Scham, der Betroffenheit oder Verantwortung, die seine Trainer ihm angewöhnt haben, damit menschliche Zuschauer die Illusion gewinnen, der Affe strebe nach Höherem, also nach der Schuld. Gelingt dies, zahlen die Menschen Geld dafür, das sehen zu dürfen.
Natürlich wissen wir, dass sich zu solchem Tun notfalls auch Hunde, Schweine und Delfine bewegen lassen. Auch Fury, ein Rappe mit edlem Charakter und feinem Humor, hatte stets eine tiefe Empfindung für das Richtige und konnte Bösewichter schon am Geruch erkennen. Ihm folgten E.T., ein kleiner Außerirdischer, sowie androide Existenzen unterschiedlicher Formgebung. Welcher Mann verliebte sich nicht in die wunderschöne, moral-flirrende Maschine Rachael in Blade Runner (Regie Ridley Scott, Buch Philip K. Dick)?

Der Schimpanse als solcher beißt oder droht hinweg, was ihm im Wege steht. Er ist in bedenklichem Maße egozentrisch. Kein Gefühl für Recht und Unrecht – er macht sich, soweit bekannt, auch praktisch keine Gedanken über Schuld und Verantwortung: Klaut dem andern die Banane, und freut sich darüber. Und, schlimmer: Der andere ärgert sich nur kurz, vergisst die Sache sofort und fordert keine Bestrafung wegen Diebstahls. Andererseits entwickeln die großen Primaten, insbesondere auch Gorillas, außerordentlich differenzierte Sozialstrukturen, die nicht allein auf Gewalt, sondern auf Allianzen, Gegenseitigkeiten und Austausch beruhen. Ob die Aufforderung zur Fellpflege etwa als normativer Anspruch wahrgenommen wird, als ein "Sollen", lässt sich schwer sagen, ist aber zu vermuten.

Es ist aus Sicht der Evolution ein winzig kleiner und doch außerordentlich bedeutender Schritt zwischen der Rangordnung eines Rudels, das denjenigen totbeißt, der sich zur Unzeit das beste Stück schnappt, und der "Moral" einer Horde, die dies als Ausdruck eines gemeinsamen Plans begreift. Dieser Schritt hat Millionen Jahre gedauert. Er hat den Charakter eines fließenden Übergangs und dauert weiter an. Vor spätestens 200.000 Jahren trat aus den Horden der Primaten des Waldes der Mensch in die Steppe. Und schon machte er sich und anderen Sorgen: Wer ist schuld, dass ich bin? Wer verantwortet, dass der Sturm bläst oder der Tiger kommt oder der Hunger die Kinder tötet? Am Anfang jedes Schöpfungsmythos, also des Austritts heraus aus dem "Paradies" der schuldfreien Zeitlosigkeit des Tier-Seins, hinein in das Menschsein unter der Herrschaft der Götter, steht eine Erzählung von der Schuld: ein Versagen vor göttlichen Normen.

Moral im Langhaus

Vermutlich haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, ihr Leben nicht in einem Langhaus in Papua-Neuguinea verbracht, oder in den Hütten indigener Kulturen in den Urwäldern Kolumbiens? Schauen Sie sich einen alten Heimatfilm aus dem Allgäu an, und versuchen Sie sich vorzustellen, wie es wohl 5.000 Jahre vor Ötzis Geburt dort war.

Die Schuld ist in der menschlichen Horde und im Langhaus allgegenwärtig und hat verschiedene Funktionen. Die zwei wichtigsten sind die Verbindung aller zu der unvorstellbaren Macht des Schicksals und die Verbindung aller untereinander. Die Ältesten, Weisen, sind Träger "traditionell legitimierter Herrschaft" (in der Diktion von Max Weber): Richtig ist, was alt ist, unvordenklich, immer schon.