Pro

Warum macht sie das? Wieso feiert Angela Merkel bei einem Empfang in Berlin mit Muslimen das Fastenbrechen im Ramadan? Merkel fastet nicht. Sie ist keine Muslima. Der religiöse Brauch dient ihr offensichtlich nur als Mittel zum Zweck. Zwar will sie ein Bekenntnis ablegen, allerdings ein politisches und kein religiöses: "Der Islam gehört unzweifelhaft zu Deutschland." Mit diesem Satz wird sie kurz darauf in den deutschen Medien zitiert. Da kann man leicht behaupten, Merkel instrumentalisiere den Ramadan und die ihm zugrunde liegende Spiritualität für ihr Ideal eines bunten, toleranten und multireligiösen Deutschland. Aber wird dadurch auch das religiöse Gefühl der Fastenden marginalisiert? Eher nicht. Niemand hat die Muslime schließlich an den Stühlen festgebunden, die mit Deutschlands Politikern in den Ramadan-Wochen nach Sonnenuntergang tafelten in der Öffentlichkeit. Meist waren die Muslime über so viel Instrumentalisierung sogar hocherfreut. Es sei denn, ihnen wurde wie beim Fastenbrechen im NRW-Landtag Fleisch vorgesetzt, das nicht "halal" war. Dann war die Empörung kurz, aber heftig.

So sehr haben wir uns mittlerweile daran gewöhnt, mit Instrumentalisierung Heimtücke oder niedere Beweggründe zu verbinden, dass der Begriff vollends zum Synonym für Missbrauch wurde. Missbrauch jedoch impliziert Gewalt in Kombination mit Macht. Instrumentalisierung dagegen heißt: Einsatz von Mitteln zu einem bestimmten Zweck. Instrumentalisierung an sich ist also weder gut noch schlecht. Sie gehört unausgesprochen zu den Standardwerkzeugen im politischen Alltagsgeschäft. Als Papst Franziskus etwa auf Lampedusa nordafrikanische Kinderköpfe tätschelte, instrumentalisierte er streng genommen das Leid der Kinder, um die Flüchtlingspolitik der EU anzuprangern. Nicht einmal seine ärgsten Widersacher in der Kurie jedoch würden ihm das jemals ankreiden. Wie könnten sie auch? Der Lampedusa-Besuch war eine große Geste der Mitmenschlichkeit, gerade weil er die perfekte Inszenierung und Instrumentalisierung von Mitmenschlichkeit war. Der gute Zweck korrespondierte formvollendet mit der Friedfertigkeit der Mittel. Ähnlich ist es bei Angela Merkel und ihrer Anwesenheit beim Fastenbrechen. Der Zweck ist klar: Die studierte Physikerin will den Deutschen die Macht des Faktischen vor Augen führen. Die lautet: Es gibt vier Millionen Muslime in Deutschland. Viele begehen jedes Jahr den Fastenmonat Ramadan. Ergo gehört der Ramadan zu uns und mit ihm der Islam – und zwar "unzweifelhaft".

Natürlich weiß Merkel, dass das Unzweifelhafte seit Pegida und der AfD von immer mehr Deutschen in Zweifel gezogen wird. Der Islam, das ist die zweite Botschaft ihrer Instrumentalisierung, mag zwar faktisch zu uns gehören, alltäglich oder besser: selbstverständlich ist er aber nicht. Das liegt nicht an den Muslimen, die bereit sind, friedlich zu fasten und zu leben in Deutschland, sondern an den Deutschen, die nicht bereit sind, den Glauben der Muslime zu achten und als verwandt anzusehen. 57 Prozent der Deutschen halten etwa den Islam laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung aktuell für eine Bedrohung. 61 Prozent sind der Meinung, er passe nicht in die westliche Welt. Viele Menschen fürchten sich vor dem islamistischen Terror. Zu Recht. Gerne übersehen wird aber, dass der Terror gerade die Verwandtschaft im Glauben, Fasten und Feiern zerstören soll, die Angela Merkel beim Fastenbrechen beschwört und durch die Beschwörung auch erschafft. Die Kritiker sehen in so viel interreligiöser Geselligkeit einen Verrat an der christlich-jüdischen Tradition in Deutschland – einer Tradition, die es so niemals gab und die nur ein Konstrukt ist, mit dem manche das von Ausgrenzungs- und Vernichtungsversuchen geprägte Verhältnis der Deutschen zum Judentum schönreden und so für weit weniger noble Zwecke instrumentalisieren.

Das Gegenteil von Ausgrenzung, das zeigt das Fastenbrechen der Kanzlerin, ist eine manchmal vielleicht krampfige, aber aufrichtig bemühte Gastfreundschaft. Zugegeben, der Zweck ist nicht originell und die Mittel nicht perfide. Es wird gegessen und getrunken. Das ist alles. Doch gerade diese Einfachheit ist als Symbol so stark, dass sie auch Papst Franziskus hätte einfallen können. Von Jesus, der sich von niemandem vorschreiben ließ, mit wem er öffentlich das Brot brach, mal ganz zu schweigen.

2013 formulierte Franziskus zum Endes des Ramadan eine Grußbotschaft an die Muslime und sprach von "Wertschätzung und Freundschaft". Bislang hat Franziskus mit den Muslimen noch nicht das Ende der Fastenzeit gefeiert – oder sie mit ihm. Aber das dürfte nur eine Frage der Zeit sein. Der Wille zur Instrumentalisierung ist auf beiden Seiten vorhanden. Zum Glück!

Raoul Löbbert ist stellvertretender Redaktionsleiter von Christ & Welt