Neuankömmlinge bleiben bis zu 21 Tage. Daran muss man denken, wenn man jetzt mit Mustafa aus Kabine sieben eine Familienkabine anschaut. Drei Etagenbetten, ein Spind, ein Tisch, mehr passt nicht rein. Ein Bobbycar ist der einzige Hinweis darauf, dass hier auch Kinder schlafen. Der Name "Familienkabine" ist ein bisschen irreführend. Männer und Frauen müssen getrennt schlafen, so steht es in der Hausordnung. Wenn Mustafa, 36, seine Frau Amal und die drei Kinder besuchen will, muss er eine Kabine weiter gehen.

Es ist eine Lösung, mit der keiner so richtig glücklich ist. Aber anders geht es nicht. Dem Wunsch nach Privatsphäre steht der Andrang entgegen, heißt es bei der Stadtmission. Der sei so groß, dass jedes Bett gebraucht werde. Und wie solle man einer Familie vermitteln, dass sie noch allein reisende Besucher in ihr Refugium lassen solle?

Diana Henniges hat zusammen mit anderen die Initiative "Moabit hilft" gegründet. Die Nachbarn geben Deutschunterricht oder machen Ausflüge mit den Bewohnern. Ein Angebot, das umso lieber angenommen werde, je länger die Bewohner bleiben müssten, sagt Henniges. "Von einer Notunterkunft kann keine Rede mehr sein." Henniges macht sich Sorgen. Sie sagt, viele Bewohner fänden nachts keinen Schlaf, weil die Halle nie zur Ruhe komme. Und dann diese Hitze.

Am frühen Morgen ist es noch angenehm kühl, wenn man mit Hisham Diab beim Kaffee sitzt. Erst gegen Mittag, wenn die Sonne genau über der Halle steht, wird es drinnen fast genauso heiß wie draußen, ungefähr 35 Grad Celsius.

Amal hat sich ein schattiges Plätzchen gesucht, eine hübsche Mittzwanzigerin, die trotz der Hitze Jeans und einen leichten Wollpullover trägt. Ihr Gesicht verschwindet unter einem Kopftuch. Blass sieht sie aus. Seit sie in Berlin sei, habe sie kaum einen Bissen herunterbekommen, nur Obst, sagt sie. Und dann die hygienischen Verhältnisse. Amal verdreht die Augen. Leichter Uringeruch hängt in den Toiletten-Containern. Amal sagt, zur Toilette gehe sie in der nächsten Kneipe, 500 Meter weiter. Mustafa, ihr Mann, wirft ihr einen besorgten Blick zu. Ihr ist schwindelig. Er war gestern in der Apotheke für sie. Seither wissen sie, dass Amals Beschwerden nicht nur dem Stress der Flucht geschuldet sind. Amal ist wieder schwanger.

Es ist ihr achter Tag im Luftschloss, und Amal zählt die Tage bis zum Auszug. Es ist ein Leben in der Schwebe, daran wird sich in dieser Halle vorläufig nichts ändern. Der Bau einer festen Notunterkunft sei nicht geplant, heißt es beim LaGeSo. Man setze auf die vier neuen Container-Städte mit 1.300 Betten, die derzeit in Steglitz, Marzahn und Lichtenberg entstehen.

Zumindest auf Beschwerden über die Hitze in der Halle will die Behörde aber reagieren. Schon in ein paar Tagen sollen die Hallen eine Klimaanlage bekommen, heißt es. Diana Henniges würde es gerne glauben. Es falle ihr aber schwer, sagt sie. "Die Anlage ist uns schon vor Wochen versprochen worden."

Sie und ihre Mitstreiter sind nicht die Einzigen, die sich um die Bewohner sorgen. 800 ehrenamtliche Helfer arbeiten im Schichtdienst mit, viele gerade mal volljährig. Die Zahl klingt hoch, doch wenn Max, 26, ein Schlaks mit schulterlangem Haar, erzählt, was die Helfer so alles machen, hat man eher den Eindruck: Es müssten noch mehr sein. Sie putzen. Sie schälen Kartoffeln. Sie räumen den Geschirrspüler leer. Sie begleiten Neuankömmlinge in ihre Kabinen. Ohne sie würde der Betrieb gar nicht funktionieren.

Max bekommt glänzende Augen, wenn man ihn fragt, was ihn an dieser Aufgabe reizt. Er hat im Kindergarten gearbeitet und will Hort-Erzieher werden. Jetzt liegt er mit zwei Mädchen aus Serbien auf der Wiese vor der Halle.

"Könnt ihr auf einem Grashalm pfeifen?", fragt er mit Märchenonkelstimme. Und dann zeigt er den Mädchen, wie das geht. Später wird er sagen, er wisse nicht, ob ihn die Kinder verstünden. Doch genau das mache den Job so spannend: die Kommunikation. Mit den Mädchen klappt das gut. Plötzlich zeigt eines der Mädchen auf einen Busch und sagt: "Blume."

Überhaupt, die Sprache. Verständigung ist das A und O. Der Türöffner für das Luftschloss Deutschland, wenn man so will. Es ist das Erste, was die Bewohner lernen. Überall hängen rotumrandete Schilder an den Wänden. Es ist viel verboten im Luftschloss Deutschland: rauchen, Windeln in die Toilette werfen oder die Spielecke mit Schuhen betreten. Deutschland, das Du-darfst-nicht-Land.

Die Sozialarbeiter korrigieren dieses Bild. Eine von ihnen ist Dragana Duric, eine zierliche Frau in Cargopants und weißer Bluse. Eine Serbin, die 2001 im diplomatischen Dienst nach Berlin kam. Sie sagt, gerade sei ein 64-jähriger Mann aus Syrien angekommen, ohne Schuhe. Er hat ihr erzählt, er sei beinahe 4.000 Kilometer zu Fuß gelaufen. Seine Knie seien geschwollen gewesen, er habe sofort medizinische Hilfe gebraucht. Doch er kam ohne Krankenschein vom LaGeSo. Und in der Behörde war niemand mehr zu erreichen. Sie telefonierte und schickte ihn im Taxi in die Notfallambulanz der Charité. Duric ist eine von acht hauptamtlichen Mitarbeitern der Stadtmission. Zusammen betreuen sie 284 Bewohner. Viele Fälle für wenig Profis. Dabei liegt der Betreuungsschlüssel schon über dem Durchschnitt. 27,18 Euro zahlt das LaGeSo der Stadtmission pro Flüchtling. Darin enthalten ist neben einer 24-Stunden-Betreuung auch die Security.

Ein rauer Umgangston. Das zeichnet die Männer am Empfang aus. Schwarz gekleidete Jungs mit kurzen Haaren. Hisham Diab möchte vor seiner Ausreise noch eine Zigarette vor der Tür rauchen, doch sie lassen ihn nicht. Draußen warten schon die nächsten Ankömmlinge. 13 Tage war er da. Jetzt soll er seinen Rucksack holen und gehen. Sofort.

Diab widerspricht nicht. Ihm fehlt die Kraft. Später, als man sich mit ihm draußen auf eine Bank im Schatten setzt, erfährt man, warum. Er zieht seine Trainingsjacke aus, sein Oberkörper steckt in einem Korsett. Die Bandscheibe soll operiert werden. Diab sagt, ihm tue alles weh. Noch weiß er nicht, wo er die nächsten Nächte schlafen soll. Er hat Hostel-Gutscheine bekommen. Aber die Hostels, die er abgeklappert hat, waren angeblich schon belegt.

Diab ist niedergeschlagen. Aber er will sich nicht beschweren. Er sagt, notfalls schlafe er im Park. Seine Familie wird davon jedoch nichts erfahren. "Mir geht es gut", whatsappt er seiner Tochter Salem. "Deutschland ist wunderbar. Kommt schnell hinterher!"