Die Banken sind geschlossen, der Handel für alle Waren außer für Lebensmittel und Treibstoff ist seit Montag um 80 Prozent eingebrochen. Doch die ersten Plakate für das Referendum am Sonntag hängen in Athen schon an den Straßenlaternen. Ochi, steht in Großbuchstaben darauf: Nein. Die Syriza-Partei von Ministerpräsident Alexis Tsipras wirbt für eine Ablehnung der europäischen Sparvorschläge und für "Demokratie und Würde". In Griechenland ist tatsächlich Wahlkampf, ein besonderer.

Kein Wahlkampf der vergangenen fünf Krisen-Jahre hat die Nation so gespalten wie dieser, nicht einmal in den vergangenen 40 Jahren seit Ende der Junta-Diktatur gab es so etwas. Im Athener Stadtzentrum feinden sich die beiden Lager mitten auf der Straße an. An einer Ecke diskutieren zwei Männer über das Referendum, sie werden von einer Dame in feinem Businessdress unterbrochen: "Ja, stimmt nur mit Nein, ihr Verrückten! Das wird uns endgültig in den Abgrund stürzen." Einer der beiden Eckensteher stänkert zurück: "Und wie wir mit Nein wählen werden! Dann hat dieses Elend endlich ein Ende."

In Athen mit seinen fast fünf Millionen Einwohnern lebt ziemlich genau die Hälfte der griechischen Gesamtbevölkerung. Hier zeigt sich auf engstem Raum, wie das Land gerade in zwei Teile zerfällt. Eine erste große Umfrage am Dienstag zeigte, dass 46 Prozent der Bevölkerung derzeit zu einem Nein tendieren, 37 Prozent zu Ja. 17 Prozent sind noch unentschlossen. Und das, obwohl die Menschen seit Montag täglich nur 60 Euro von der Bank abheben können, fast die gesamte Wirtschaft brach liegt, Rentner und Angestellte um die Auszahlung ihre Pensionen und Gehälter fürchten.

"Wir haben keinen Sommerschlussverkauf"

Um zu verstehen, wie das Land zerfällt, muss man vom Zentrum aus einige Schritte gen Norden gehen. Lange Zeit schien die Krise um diese Gegend in Athen einen weiten Bogen zu machen. Im Stadtteil Kolonaki führen auch heute noch Frauen auf hochhackigen Schuhen ihre Hunde in der Handtasche spazieren, Männer mit schweren Uhren am Handgelenk sitzen in Cafés herum. Im Schaufenster einer kleinen Herrenboutique macht sich die Bargeldnot aber bemerkbar: "50 Prozent Ermäßigung auf alles", selbst auf das Sakko aus "italienischer Herstellung".

"Wir haben keinen Sommerschlussverkauf", sagt Kyrikaki Angelou, 49, die das Geschäft seit 15 Jahren betreibt. Die Situation sei schrecklich, sie sitze den ganzen Tag ohne einen einzigen Kunden im Laden, obwohl doch gerade hier noch einigermaßen zahlungskräftiges Publikum wohne. "Ich werde natürlich mit Ja stimmen", sagt sie. "Alles andere ist Wahnsinn." Es zeige sich doch in aller Deutlichkeit, wo es hingehe, wenn am Sonntag ein Nein herauskomme: raus aus dem Euro. "Es wird mit einem neuen Programm zwar auch nicht einfach, aber allemal besser als ohne Euro und mit Staatsbankrott", sagt sie.