Noch nie sind in Deutschland so viele Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten wie im vergangenen Jahr. 217.716 Menschen verließen die Kirche 2014. Das sind noch mehr als im Jahr 2010, dem Höhepunkt des Missbrauchsskandals. Damals waren es 181.193.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, bezeichnete die Entwicklung als "schmerzlich". Dahinter stünden "persönliche Lebensentscheidungen, die wir in jedem einzelnen Fall zutiefst bedauern, aber auch als freie Entscheidung respektieren". Die katholische Kirche werde sich weiter darum bemühen, dass "viele Menschen in der Gemeinschaft der Kirche Heimat finden oder auch wiederfinden". Der Leiter des Bistums Limburg, Manfred Grothe, sagte, die Bindung an die Kirche würde mehr und mehr verschwinden. "Die verfasste Kirche spielt im Alltag vieler Menschen eine immer geringer werdende Rolle", sagte er.

Die meisten Austritte gab es laut der Statistik in vier der fünf größten deutschen Diözesen: In den Erzbistümern München und Freising, Köln, Freiburg und im Bistum Rottenburg-Stuttgart.

"Die Kontrollwut von Papst Benedikt muss vorbei sein"

Der Sprecher der katholischen Laienorganisation Wir sind Kirche, Christian Weisner, kritisierte: "Der Geist von Franziskus ist noch nicht so in Deutschland spürbar, wie es sein müsste. Diese Kontrollwut, wie wir sie auch von Papst Benedikt erlebt haben – das muss vorbei sein."

Die Zahl der Eintritte und Wiederaufnahmen kann den Anstieg der Austritte keinesfalls wettmachen: 2014 traten nur etwa 9.100 Menschen in die katholische Kirche ein – das waren 900 weniger als im Jahr zuvor. Insgesamt lebten 2014 in Deutschland etwa 24 Millionen Katholiken – das waren 29,5 Prozent der Bevölkerung.

Auch der evangelischen Kirche, die zuletzt geringfügig weniger Mitglieder als die katholische Kirche zählte, kehren immer mehr Christen den Rücken. Einige Landeskirchen hatten bereits Anfang des Jahres von einer Zunahme der Austritte 2014 berichtet.