Michel Houellebecq schildert in seinem mit virtuoser Ironie geschriebenen Roman Unterwerfung, wie in Frankreich eine muslimische Partei die Macht ergreift und das Leben der Menschen radikal verändert. Der dekadente Protagonist François, der an einer Stelle der Erzählung anmerkt, dass er wie die meisten Pariser deshalb am Leben ist, weil er keinen Grund hat, sich umzubringen, beschließt ebenfalls, den Islam anzunehmen. Ihm gefällt die Idee, dass er dann bis zu vier Frauen gleichzeitig haben darf und ihm viele Entscheidungen durch die Religion abgenommen werden.

Ich will gestehen, dass ich dieses Szenario weder für realistisch noch für wünschenswert halte. Die meisten Muslime halten nicht wegen der Anzahl der Sexualpartner oder wegen der autoritären Ordnung an ihrer Religion fest, sondern wegen der lebendigen Spiritualität. Laut Koran ist das Heilige dem Menschen näher als seine Halsschlagader, und damit stets immanent. Weiter heißt es dort, dass jeder Mensch den Geist Gottes in sich trägt. Besonders das Herz gilt als der Thron der göttlichen Präsenz: "Siehst du, Momo, sie drehen sich um sich selbst, sie drehen sich um ihr Herz, um den Ort, wo Gott wohnt." So erklärt Monsieur Ibrahim im Roman Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran von Éric-Emmanuel Schmitt seinem jungen Freund Momo das Tanzen der Derwische.

Es ist aber nicht allein die Spiritualität, sondern auch die einfach strukturierte, egalitäre Theologie des Islams, welche die Muslime seit jeher fasziniert: Der Offenbarung gemäß gibt es keine Sakramente, keine Priesterklasse und keine religiöse Hierarchie. Jene Form eines auf Unterwerfung basierenden Islams ist daher gewiss keine ideale Form für das 21. Jahrhundert.

Ein idealer Islam müsste sich wieder stärker auf die positiven Beispiele aus der Geschichte besinnen: Bereits im Mittelalter sehen wir im spanischen Westen Geistesgrößen wie den Einheitsmystiker Ibn Arabi und den Philosophen Ibn Rushd, also Averroës, im Osten den Liebesmystiker Jalaluddin Rumi und den Universalgelehrten Ibn Sina, Avicenna. Besonders bekannt ist die Geschichte von der Mystikerin Rabia, die im 8. Jahrhundert über die Märkte Basras lief, einen Eimer Wasser in der einen Hand und eine Fackel in der anderen hielt. Sie rief, dass sie das Paradies mit der Fackel in Asche legen und das Höllenfeuer mit dem Wasser zum Erlöschen bringen werde, damit die Menschen den barmherzigen Gott nicht mehr aus Hoffnung auf das Paradies oder aus Furcht vor der Hölle anrufen, sondern nur noch aus Liebe und Sehnsucht. Ebenso sehen wir, dass die Muslime im Westen mit Juden und Christen und im Osten mit Zarathustra-Gläubigen, Hindus und Buddhisten für damalige Verhältnisse erstaunlich friedlich zusammenlebten. Das Osmanische Reich etwa war viele Jahrhunderte lang ein Territorium, in das sich Juden aus Italien, Spanien und Portugal flüchteten, wenn sie in ihren Heimatländern verfolgt wurden. Auch die säkularen Muslime, die nach dem Ersten Weltkrieg die Türkische Republik gründeten, waren mehrheitlich für ihre Offenheit gegenüber Andersgläubigen bekannt, sodass abermals Juden und andere Verfolgte vor Hitler in die Türkei flohen; unter ihnen der Politiker Ernst Reuter und der Komponist Paul Hindemith.

Ein idealer Islam muss sich aber unbedingt gegenüber den Errungenschaften der Moderne öffnen. Aus theologischer Sicht sind universale Menschenrechte, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Religionsneutralität des Staates nicht nur aus den islamischen Quellen ableitbar; oftmals erscheinen sie sogar als religiös zwingend.

Die Lage heute ist nicht so aussichtslos, wie es manchmal erscheint, und vieles von dem, was wünschenswert wäre, ist bereits Realität: So ist der Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte ein Muslim und sogar ein Nachfahr des Propheten Mohammed. Der Direktor der Organisation für das Verbot chemischer Waffen, die mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, ist ebenso Muslim wie die Empfänger von Friedensnobelpreisen der Jahre 2003, 2005, 2006, 2011 und 2014: Shirin Ebadi, Mohammed el-Baradei, Muhammad Yunus, Tawakkol Karman und Malala Yousufzai,

Auch Musiker wie Q-Tip oder Everlast, der Begründer von Atlantic Records Ahmet Ertegün, der Pianist Fazil Say, der Fußballer Zinedine Zidane sind Muslime, die durch Kultur und Sport berühmt geworden sind und einen positiven Beitrag für das globale Miteinander geleistet haben. In Deutschland gehören Django Asül, Mesut Özil, Feridun Zaimoglu, die Staatsministerin Aydan Özoguz oder die Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland, Selmin Caliskan, zu den modernen Musliminnen und Muslimen. Modern deshalb, weil sie vielleicht christliche Feste ebenso sehr lieben wie die muslimischen; den Weihnachtsbaum und Glockengeläut genauso wie den Ruf des Muezzins; gleichwohl bekennen sie sich zum Islam.