Erfassen, zählen, ordnen – die Bundesrepublik ist ein Land der Statistiken. Alleine in Deutschlands zentraler Statistikbehörde im hessischen Wiesbaden sind über 2.000 Menschen damit beschäftigt, Daten zu sammeln und auszuwerten. Egal ob das Erntevolumen von Erdbeeren, die Zahl der Übergewichtigen oder die Preisentwicklung für landwirtschaftliche Grundstücke – die Meister der Zahlen ordnen das Leben in Tabellen und Grafiken.

Statistiken sollen helfen, die Welt zu verstehen, um sie besser zu machen. Das Bundesstatistikgesetz sieht deshalb vor, dass "gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Zusammenhänge aufgeschlüsselt" werden. Für das Sammeln von "Daten über Massenerscheinungen" bekommt das Statistische Bundesamt einen gesetzlichen Auftrag und wird von anderen Behörden dabei unterstützt. 

Wie viele Personen in Deutschland wohnungslos sind, wird jedoch von keiner amtlichen Statistik beantwortet. Und das, obwohl es sich durchaus um eine "Massenerscheinung" handelt: Laut einer Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) gab es 2012 bundesweit 284.000 Wohnungslose, die über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügten. 24.000 von ihnen lebten als Obdachlose auf der Straße. "Um all diesen Personen gezielter zu helfen, wäre eine amtliche Statistik sehr wichtig", sagt Thomas Specht, Geschäftsführer der BAGW, in der Kommunen sowie freie Träger der Wohnungslosenhilfe vertreten sind.

Denn wieder gilt ganz im Sinne der Statistik: Um die Situation der Menschen zu verbessern, muss man sie kennen. Seit Jahrzehnten fordert die BAGW deshalb offizielle Zahlen – bisher vergebens. Warum? "Es gibt keinen technischen Grund. Die Bundesregierung befasst sich nicht mit dem Thema, weil öffentlich verfügbare Daten das Problem jedes Jahr wieder auf den Tisch legen würden", sagt Thomas Specht. Statistiken können eben auch schockieren – ein Grund für fehlende Zahlen?

Ob das stimmt, wollten nun zwei grüne Bundestagsabgeordnete wissen. Der sozialpolitische Sprecher Wolfgang Strengmann-Kuhn und der wohnungspolitische Sprecher Chris Kühn haben Mitte Juni im Parlament eine kleine Anfrage gestellt: Warum gibt es keine bundesweite Wohnungslosenstatistik? Und ist diese nicht "die entscheidende Voraussetzung für Maßnahmen gegen Wohnungslosigkeit"?

In der Antwort der Bundesregierung, die ZEIT ONLINE exklusiv vorliegt, lehnt die Regierung unter Federführung des Sozialministeriums eine Wohnungslosenstatistik ab. Sie verweist auf eine Anfrage von SPD, Grünen und Linken aus dem Jahr 2012 und sagt: "An den grundsätzlichen Einschätzungen hat sich nichts geändert." Eine Wohnungslosenstatistik sei nicht realisierbar, weil der "finanzielle und bürokratische Aufwand für die Einführung einer neuen Statistik auf Bundesebene mit sehr begrenzter Aussagekraft nicht zu rechtfertigen" sei.

90 Prozent könnten gezählt werden

Obwohl diese Argumente bereits in den 1990er Jahren ins Feld geführt wurden, forderte der Bundestag 1995 von der schwarz-gelben Koalition, eine "Grundlage für bundesweite Wohnungslosenstatistiken zu schaffen". Damals wurde allerdings der verfügbare Wohnraum größer und die Forderung nach einer offiziellen Statistik verlor – auch unter Rot-Grün – an Nachdruck.

Das hat sich nun geändert, seit 2008 steigt die Zahl der Wohnungslosen stetig an, schätzt die BAGW. "Es ist beschämend, dass sich die Bundesregierung der Realität verweigert", sagt der grüne Abgeordnete Strengmann-Kuhn. Er hält eine Wohnungslosenstatistik für notwendig – und für realisierbar. Dafür verweist er in der kleinen Anfrage auf eine Machbarkeitsstudie, die Mitte der neunziger Jahre vom Bundesbauministerium beim Statistischen Bundesamt in Auftrag gegeben wurde. In dieser Studie heißt es, dass "ordnungs- und sozialhilferechtlich untergebrachte" Wohnungslose "vergleichsweise unproblematisch" zu zählen seien, nicht aber auf der Straße lebende Obdachlose.

Die Bundesregierung sieht sich aber gerade durch diese Studie bestätigt, weil eine solche Statistik "von vornherein nur auf eine Teilmenge der Betroffenen beschränkt" wäre. Für Thomas Specht ist diese Argumentation "nicht haltbar". Denn diese "Teilmenge" würde "mindestens 90 Prozent der Wohnungslosen" erfassen. Zudem verweist Specht auf andere EU-Staaten und auf das Land Nordrhein-Westfalen, wo es eine offizielle Wohnungslosenstatistik gibt. Seit Jahrzehnten werden dort Daten von den Kommunen abgefragt, um "ordnungsrechtlich Untergebrachte" zu erfassen, Menschen, die beispielsweise in Notunterkünften wohnen. Seit 2011 werden diese Zahlen ergänzt, indem das Land die freien Träger fragt, wie viele Wohnungslose bei ihnen "sozialhilferechtlich" untergebracht sind. Die Rücklaufquoten betragen fast 100 Prozent.

Der Bund fühlt sich nicht zuständig

"Für uns ist die Statistik wichtig, denn was nicht gezählt wird, zählt nicht", sagt eine Sprecherin des nordrhein-westfälischen Sozialministeriums. Deshalb setzt sich NRW seit Jahren für eine Bundesstatistik ein. Doch die Große Koalition sagt in ihrer Antwort auf die kleine Anfrage aber, dass sie nicht zuständig sei, weil Kommunen für die Unterbringung von Wohnungslosen und die Länder für den Wohnungsbau verantwortlich seien. Dabei wird aber verschwiegen, dass der Bund sehr wohl für Armutsbekämpfung zuständig ist und auch die Sozialgesetzgebung verantwortet.

"Die Bundesregierung schaut beim Thema Armut lieber weg, dann muss sie auch nicht aktiv werden", kritisiert Strengmann-Kuhn. Denn das persönliche Schicksal Wohnungslosigkeit, da sind sich der grüne Politiker und der BAGW-Geschäftsführer einig, hat in erster Linie soziale und politische Ursachen – die auch in der Verantwortung des Bundes liegen.

Armut und angespannter Wohnungsmarkt

"Die zunehmende Verarmung immer breiterer Bevölkerungsschichten und der extrem angespannte Wohnungsmarkt sind hauptsächlich für den massiven Anstieg der Wohnungslosigkeit verantwortlich", sagt Thomas Specht. So geht der bundesweite Bestand an Sozialwohnungen seit Jahren zurück. Gleichzeitig steigen die Mieten in den Ballungszentren. Laut RedaktionsNetzwerk Deutschland gab es 2012 nur noch 1,48 Millionen Sozialwohnungen. Im Vergleich zum Vorjahr waren 63.000 der dringend benötigten Wohnungen verschwunden – ein Tiefpunkt in der Bundesrepublik. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland beruft sich auf neue, bisher unveröffentlichte Zahlen des Bundesbauministeriums.

Besonders arme Familien werden dadurch stark belastet, sie haben laut einer Bertelsmann-Studie aus dem Jahre 2013 in 60 der 100 größten deutschen Städte nach Abzug der Miete im Schnitt weniger als den Hartz-IV-Regelsatz zur Verfügung. Gleichzeitig gibt es so viele Arme wie noch nie. Laut Paritätischem Wohlfahrtsverband sind es bundesweit 12,5 Millionen.

Für den Spätsommer plant die BAGW eine neue Schätzung. Bereits jetzt geht Thomas Specht von einem weiteren Anstieg der Zahl der Wohnungslosen aus. Im kommenden Jahr dürfte die Zahl auf 380.000 ansteigen.

Dennoch wird es weiterhin keine amtliche Statistik geben. Vielleicht weil viele Menschen die äußersten Ränder unserer Gesellschaft lieber nicht in den Blick nehmen.