Die blonde Frau im Bikini hält sich an einem Plastikdelfin fest. Ihre Freundin steckt im Schwimmreifen und kichert. Ahmed M. schaut den Frauen zu, wie sie in dem Mini-Pool auf dem Restaurant-Schiff Playtime ihren Spaß haben. Er sieht sie von seinem Zelt am Kai an der Seine. 30 Meter ist das vertäute Schiff entfernt vom illegalen provisorischen Flüchtlingscamp im Osten von Paris, in dem Ahmed lebt. "Das da ist eine andere Welt", sagt er.

Jogger traben an den sogenannten Docks vorbei, wo aus früheren Lagerhallen die schicke Cité de la Mode et du Design entstanden ist. Pariser studieren hier Mode und amüsieren sich. Flanierende Touristen fotografieren die eng platzierten grünen und blauen Zelte der Flüchtlinge. Ahmeds Zelt steht auf zwei roten Holzpaletten am Kai, davor ein Kehrbesen und eine Plastikwanne, in der er T-Shirts einweicht. Er zieht die Zeltplane seines kleinen, von Hilfswerken gekauften Zeltes beiseite: drinnen eine Matratze, zwei Schlafsäcke – er teilt das Zelt mit einem anderen Flüchtling.

Eine Freitreppe führt mitten in seinem Camp hinauf auf die erste Etage des Gebäudes – in einen Szene-Club namens Wanderlust. Laute Pop-Musik dröhnt aus dem Getränkestand unter freiem Himmel. "Die da oben sind schon okay", sagt Ahmed, "aber leider läuft die Musik oft bis morgens um sechs Uhr, dann liege ich die Nacht wach." Nicht nur wegen der Lautstärke. Gegen vier Uhr sind manche Clubgäste ziemlich betrunken und vergessen, dass Flüchtlinge auch Menschen sind: "Dann werfen sie Kippen und Bierflaschen auf unsere Zelte." Oder sie spucken hinunter.

Ein Notlager inmitten einer Partymeile. Fast 20 Monate gibt es dieses Flüchtlingscamp schon. Ahmed ist 28 und lebt seit drei Monaten hier. Er floh aus dem Sudan. Er sagt nur: "Darfur". Ein Wort, das für ihn nicht weiter erklärt werden muss. Eine Region mit Bürgerkrieg, Rebellen, Milizen, Gewalt, Tod, Vergewaltigung, Vertreibung. Ahmed hat eine Wunde an der Schläfe, eine am Kinn, sie sind gut verheilt. "Kämpfe", sagt er. Soldaten attackierten seine Familie, "Mama, Papa, zwei Brüder, drei Schwestern – sie sind alle noch dort." Er floh.

Ahmeds monatelanger Weg nach Europa gleicht dem vieler Flüchtlinge, die derzeit in Paris auf der Straße leben: erst nach Libyen. 1.500 Dollar kostete ihn der Platz auf dem Schleuserschiff übers Mittelmeer. Dann Italien. Mal Bus, mal Bahn, mal stundenlange Fußmärsche. Immer die Angst, von der Polizei aufgegriffen zu werden. Dann Paris. Ahmed fuhr weiter über Straßburg nach Hannover. Aber sein Asylantrag wurde vor einem Jahr abgelehnt, also fuhr er zurück nach Paris. Jetzt versucht er, hier Papiere zu bekommen.

Viele der 140 Flüchtlinge am Quai d'Austerlitz sind von der Reise erschöpft. Baschir aus dem Tschad erzählt von der Überfahrt übers Mittelmeer, wo er sich auf den überfüllten Booten tagelang kaum rühren konnte. Daniel aus Eritrea vom Kentern seines Bootes, 41 seiner Mitflüchtlinge starben. Jetzt hoffen diese Männer in Paris auf Hilfe und Schutz in Europa. Und warten unterm Wanderlust.

Die Gäste des Clubs "Wanderlust" blicken auf die Zelte. © Michael Neubauer

Paris, die Stadt der Flüchtlinge. Die Metropole zieht sie an, und es werden immer mehr. Über 500 lebten derzeit unter freiem Himmel, schätzt das Rathaus. Für einen Teil von ihnen ist Paris nur eine Durchgangsstation. Sie wollen weiter nach Calais, um sich dort an Laster klammern, die durch den Tunnel nach Großbritannien fahren. Andere wollen nach Schweden, in die Niederlande und nach Deutschland. Paris ist mit der Situation überfordert.

Für Aufsehen sorgte im Juni die Räumung des Flüchtlingscamps unter der Hochbahn-Station La Chapelle im Norden der Stadt. Seit dem Sommer 2014 lebten dort 380 Flüchtlinge – darunter Frauen und Kinder – zwischen Ratten, Uringestank und dem ständigen Rattern der Métro. Schließlich schickten die Behörden Busse und Polizisten, um das Camp aufzulösen. Danach wurde ein Teil der Flüchtlinge von Stadt und Staat gut betreut. Andere jedoch irrten kurz danach wieder durch die Metropole.

Als die Polizei wenig später ein Flüchtlingslager bei der Jugendherberge in der Pajol-Halle im Norden der Stadt auflöste, kam es zu Gewalt. Sympathisanten der Flüchtlinge bildeten eine Schutzkette um die Flüchtlinge, manche attackierten die Polizisten, die Beamten setzten Tränengas ein. Linke und Hilfsvereine warfen der Regierung Brutalität und Planlosigkeit vor. Die Behörden wiederum sprachen von Demagogie und  Instrumentalisierung der Migranten. Die grüne Ex-Ministerin Cécile Duflot bezeichnete die derzeitige Flüchtlingspolitik gar als "moralisches Waterloo".