Die Stimmung in der Facebook-Gruppe "Freital wehrt sich" war aufgeheizt: In Kommentaren gegen die geplante Unterbringung von Flüchtlingen im Ort wurde offen zur Gewalt aufgerufen. So empfahl ein Mitglied der Gruppe, die Flüchtlinge zusammen mit dem Gebäude zu verbrennen. "Die kannst du nur erschlagen", wandte ein anderer Kommentator ein. Geradezu hemmungslos wird häufiger in Facebook-Gruppen sogenannter Bürgerinitiativen gegen Flüchtlinge und Flüchtlingsunterkünfte gehetzt. Und gepostet wird nicht selten unter Klarnamen.

Wie lässt sich diese offene Hetze erklären? "Beleidigungen und diskriminierende Äußerungen finden eigentlich nur im privaten Umfeld statt", sagt Nico Dietrich, der an der Universität Jena die Internetnutzung von rechten Bürgerinitiativen untersucht hat. Aber viele dieser Nutzer würden soziale Netzwerke als eine private Umgebung wahrnehmen. Deshalb würde häufig sogar unter dem echten Namen veröffentlicht.

 Außerdem seien zur Gewalt aufrufende Inhalte in den Onlinegruppen der Bürgerinitiativen auf den ersten Blick eher die Ausnahme. "Auf den Facebook-Seiten wird vergleichsweise harmloses Material veröffentlicht", sagt Kommunikationswissenschaftler Dietrich. Als weitere Tarnung für in Wirklichkeit rechtsextreme Gruppen dienten häufig neutrale oder positive Namen wie etwa "Freital ist frei". In den Kommentaren aber würden die Mitglieder der Gruppen deutlich ihre rassistische Haltung zeigen.

Dennoch sei eine klare Unterscheidung der Mitglieder solcher Facebook-Gruppen in Neonazis und "besorgte Bürger" kaum möglich, sagt der Rechtsextremismus-Experte Patrick Gensing, der im Blog Störungsmelder auch für ZEIT ONLINE geschrieben hat. "Die Rechtsextremen geben sich in der Regel moderat." Statt gewalttätige Parolen und offensichtliche Nazi-Symbole zu verbreiten, gehe es vordergründig um ein vermeintlich legitimes Bürgeranliegen. Derart verpackt, würden radikale Inhalte für eine breitere Zielgruppe attraktiv. "Dafür ist das Internet perfekt: Diese Art der Propaganda kostet nichts und sie ist schnell gemacht", sagt Gensing.

Wie viele solcher "Bürgerinitiativen" gegen Flüchtlingsunterkünfte es mittlerweile gibt, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Netz gegen Nazis zählte zuletzt allein auf Facebook etwa 100. "Dahinter stecken sehr oft organisierte Rechtsextremisten wie die NPD", sagt Gensing, der unter anderem das Blog Publikative mitbetreibt. Auch neuere Organisationen wie die rechtsextreme Kleinpartei Der III. Weg sind dort aktiv, beispielsweise mit einem Leitfaden dazu, wie man Bürgerinitiativen gründet und welche rechtlichen Möglichkeiten es gegen Flüchtlingsunterkünfte gibt.

Dabei profitieren Rechtsextremisten davon, dass sie in der Debatte um Asylbewerber weniger politisch isoliert sind als bei anderen Themen. "Viele Menschen teilen diese Ansichten, obwohl sie sonst eigentlich nicht unbedingt etwas mit Neonazis zu tun haben", sagt Gensing. Dadurch gelinge es den Rechtsextremen, sich in größeren Kreisen mit ihren radikalen Positionen Gehör zu verschaffen.