Im herrschaftlichen Ballsaal des Fußballvereins Fluminense, unter cremefarbenen Balustraden und Kronleuchtern aus Kristall, erklingt gegen 20:17 Uhr der Donauwalzer. Das Tanzen klappt aber nur mittelgut. Gehetzt hatten die Beteiligten am Nachmittag noch schnell zwei Walzerstunden erhalten. Sowas geht nicht gut, wenn neben ungeübten Tänzern und Tänzerinnen außerdem noch Rauschekleider in Bonbonfarben ins Spiel kommen und verklemmte Herrschaften in knapp sitzenden Ausgehuniformen. Stocksteif statt beschwingt schieben sie jetzt einander übers Parkett, doch an diesem Abend zählt vor allem: die gute Absicht.

Rio hat den ersten stadtweiten Debütantinnenball der Polizei gefeiert. Das ist eine Innovation, die von ganz oben kommt, der Sicherheitschef des Bundesstaates hat sie sich ausgedacht. 31 Schönheiten aus den polizeibesetzten Armutsgebieten der Stadt, jeweils 15 Jahre alt, durften an diesem Abend mit ihren Wachtmeistern gemeinsam auf dem Parkett tanzen. Pro Favela wurde eine Debütantin benannt, wobei nur solche Armutsviertel zählten, in denen die Polizei die Kontrolle hat und nicht irgendeine Drogenbande oder Miliz.

Zum Auswahlverfahren gehörte unter anderem, dass die jungen Damen einen Aufsatz schreiben mussten, in dem sie schilderten, was sich in ihrer Wohngegend alles dank der Polizei verändert hat. "Dieses Mädchen dort ist unter ganz schwierigen Bedingungen aufgewachsen, die leben quasi in einer Hütte", flüstert mir ein schwerer Mann in einem pechschwarzen Anzug zu, "interviewen Sie die doch mal!". Dann geht er weiter zum nächsten Journalisten und erzählt das Gleiche. Die Botschaft soll ankommen.

Und die lautet: Die Polizei macht gute Arbeit in den Favelas! Sie schließt echte Freundschaften mit der Bevölkerung. Nun gibt es allerdings auch andere Nachrichten, die dieses Bild stören. Amnesty International etwa hat die Polizei gerade für 16 Prozent der "registrierten Tötungsdelikte" in Rio verantwortlich gemacht. Die Menschenrechtsorganisation sieht "starke Hinweise auf standrechtliche Hinrichtungen", gerade auch in den Favelas. Tatsächlich gab es einige spektakuläre Fälle von Tötungen und Folter, seit Polizeitruppen im Vorfeld der Fußball-WM 2014 die Armengebiete besetzten. Die Polizei hält allerdings dagegen, dass die Zahl der Tötungen durch Polizisten seither rapide gesunken sei. Statistiken geben ihr recht. Richtig friedlich, freundschaftlich gar, läuft es aber zwischen Polizisten und Bevölkerung nur in den wenigsten Winkeln der Stadt.

Zum Beispiel: an jenem Abend im Ballsaal von Fluminense. Bartender reichen Limonade und Stücke von großen bunten Kuchen. Eine Polizeikapelle marschiert nach dem Walzer auf die Bühne ("am Bass: Der Soldat Torres!") und spielt Funkrock. Angehörige der jungen Frauen drängeln sich vor der Bühne, rauflustige Großmütter und Kinder mit vollen Limonadengläsern eingeschlossen, um Selfies vor der absurden Szene zu machen. Ein Mädchen liest ein Gedicht für ihre Lieblingspolizistin vor. Sie wird dafür von einer Wachtmeisterin mit Pferdeschwanz und grüner Uniform geherzt.

Die Polizeikapelle auf der Bühne © Thomas Fischermann

Richtig Stimmung kommt erst viel später am Abend auf, als das Licht abgedunkelt wird, als der DJ "Welcome to the Jungle!" ruft und bassstarke Technomusik aus den Lautsprechern erklingt. Unter die hüpfenden Ballkleider mischen sich Vermummte in schwarzem Leder, die Gesichter hinter Masken verborgen, sie sehen wie die raubeinige "Schocktruppe" des Sicherheitschefs von Rio aus. Bloß kleben bunte Lämpchen auf ihren Uniformen, und sie tanzen. Sie zünden Bomben von Diskonebel, und da dachte nur ein Schelm an die Zwangsräumungen draußen auf den Hügeln, wo so viel Pfefferspray und Tränengas versprüht worden war.

Danach stellt sich noch jemand den Journalisten vor: der Soldat Bruno Oliva, verantwortlich für die Festplanung. "Wir denken darüber nach, Gruppenhochzeiten für Polizistenpaare und Leute aus den Armenvierteln auszurichten", spricht er von seinen nächsten Plänen. Einen Versuch damit hätten sie schon gemacht, da seien drei Paare aus einer Favela und vier Paare aus den Rängen der Polizei gemeinsam vor den Standesbeamten getreten. Sie seien alle bis heute Freunde.