ZEIT ONLINE: Herr Schuldt, die hohe Zahl an Flüchtlingen, die zu uns kommt, weckt fremdenfeindliche Ressentiments. Auf der anderen Seite engagieren sich zahlreiche ehrenamtliche Helfer: Sie betreuen Flüchtlinge, verteilen Hilfsgüter und organisieren Feste. Erleben wir eine neue Art der Gemeinnützigkeit?

Christian Schuldt: Der Trend ist grundsätzlich nicht neu. Die Hilfsbereitschaft kommt aber durch Kommunikationsmöglichkeiten wie soziale Netzwerke viel stärker zum Tragen. Dadurch kann sich die private Flüchtlingshilfe spontaner und weitreichender verbreiten.

ZEIT ONLINE: Facebook wird auch intensiv von Initiativen genutzt, mit denen Fremdenfeinde und Neonazis gegen Flüchtlinge hetzen. Gibt es da einen Zusammenhang?

Schuldt: Die Helferbewegung lässt sich auch als eine Art Gegenpol zur Hetze gegen Flüchtlinge betrachten, die auch auf Facebook stattfindet. Sie wird dadurch verstärkt: Man will dagegenhalten. Strukturell ist dieses private Engagement aber Ausdruck eines größeren gesellschaftlichen Trends: Zusammenarbeit, Vernetzung, Selbsthilfe – die Reaktion der Helfer auf die Flüchtlingssituation steht beispielhaft für einen Prozess, der die Gesellschaft schon länger verändert.

ZEIT ONLINE: Was treibt die Menschen an?

Schuldt: Das Thema ist perfekt auf das soziale Wesen Mensch zugeschnitten. Die Helfer wollen Teil eines größeren Ganzen sein. Die Zugehörigkeit zu den Helfergruppen erzeugt ein Wir-Gefühl. Die Menschen sehen zum Beispiel in den sozialen Netzwerken, wie Personen, die sie kennen und schätzen, ihr Engagement verbreiten. Daran wollen sie teilhaben. So pflanzt sich die Idee fort.

ZEIT ONLINE: Widerspricht die ehrenamtliche Hilfe nicht der beliebten Erzählung vom egoistischen, materialistischen modernen Menschen?

Schuldt: Nicht unbedingt. Durch die Kommunikation untereinander haben die Helfer das Gefühl, zu etwas Positivem beizutragen. Beim Teilen ihres Engagements erhalten sie soziale Resonanz. Selbstbestätigung, das Gefühl, sich zu verwirklichen – das ist auch eine Form der Belohnung. Der Individualismus und das Ehrenamt bestärken sich also in diesem Fall.

ZEIT ONLINE: Was für einen Hintergrund haben die Helfer?

Schuldt: Das ist nicht pauschal zu beantworten. Die Besonderheit dieser Gruppe besteht in ihrer Nicht-Besonderheit. Alter und Schicht spielen keine entscheidende Rolle. Das Phänomen liegt, genauso wie das Medium Internet, quer zur Gesellschaft.

ZEIT ONLINE: Die Helfer erfüllen Aufgaben, die eigentlich beim Staat liegen. Wie gestaltet sich das Verhältnis zu den Behörden?

Schuldt: Das Verhältnis ist symbiotisch. Der Staat ist mit der Situation überfordert. Er ist zu unflexibel, um mit solchen gesamtgesellschaftlichen Problemlagen umzugehen. Die Helfer ergänzen das staatliche Handeln. Sie sagen sich: "Angela Merkel? Egal, ich kümmer mich lieber selbst." Dadurch helfen sie den Behörden, zu leisten, was die alleine nicht leisten können.

ZEIT ONLINE: Funktioniert diese Symbiose wirklich? Man könnte auch von einem staatlichen Kontrollverlust sprechen.

Schuldt: Die moderne Gesellschaft muss so funktionieren. Es geht immer mehr um Selbstorganisation und nicht mehr um Fremdorganisation von oben. Kontrollierter Kontrollverlust ist nicht grundsätzlich eine schlechte Sache.

ZEIT ONLINE: Besteht nicht die Gefahr, dass der Staat den Trend ausnutzt und lästige Aufgaben an die Zivilgesellschaft abtritt?

Schuldt: Das ist in der Tat ein Balanceakt. Der Staat darf sich natürlich nicht zurücklehnen und seine Aufgaben abgeben. Aber er darf das gesellschaftliche Potenzial auch nicht ausschließen. Er muss es erkennen und in die Bemühungen der Behörden integrieren.

ZEIT ONLINE: Handelt es sich um ein anhaltendes Phänomen?

Schuldt: Der zugrunde liegende gesellschaftliche Wandel lässt sich nicht zurückdrehen. Selbstorganisierte Hilfsaktionen wird es im Zusammenhang mit größeren gesellschaftlichen Problemen zukünftig immer mehr geben. Natürlich wird das Ausmaß, auch in Abhängigkeit von der medialen Aufmerksamkeit, schwanken. Die Basis aber ist da, und sie wird sich durch die zunehmende digitale Vernetzung weiter vergrößern. Die Flüchtlingssituation ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie die Selbstorganisation funktionieren kann. Das prägt sich ins kollektive Gedächtnis ein. Und darauf wird man auch zukünftig aufbauen.

Einen Flüchtling in der WG aufnehmen? Das Video zeigt eine Berliner Wohngemeinschaft, die genau das gemacht hat.