Das war das Abenteuer meines Lebens! Vielleicht wird Mohamed Sheikh Ibrahim so beginnen, wenn er in 30 Jahren seine Geschichte erzählt. Wenn er sich immer noch darüber wundern wird, dass sein Lebenstraum doch wahr geworden ist. Schon als Kind hatte er ihn geträumt, damals in Idlib, einer kleinen Stadt in Nordsyrien: den Traum von Deutschland.

Deutschland. Für den Jungen Mohamed, der durch die staubigen Straßen seiner Heimatstadt sprang, muss dieses Wort einen Klang gehabt haben wie früher für die deutschen Auswanderer Amerika. Wer nach Deutschland ging, den erwartete ein gutes Leben. Wer von dort zurückkam, gehörte zur Elite. Nirgendwo werde so eifrig gelernt und so gut unterrichtet wie in Deutschland, sagte der Nachbar. Er hatte dort promoviert. "Schon als Kind habe ich Euer Land gewählt", sagt Mohamed.

Nun ist er 24 Jahre alt und sitzt auf einem zerschlissenen Schreibtischstuhl aus Lederimitat in einem winzigen Zimmer im obersten Geschoss eines heruntergekommenen Wohnblocks in Marl. Es gibt hässlichere Quartiere im Ruhrgebiet, aber nicht allzu viele. Das Zimmer ist nicht seins, sein ältester Bruder lebt hier. Er teilt sich die Wohnung mit drei weiteren Flüchtlingen. Morgen muss Mohamed zurück nach Schwerte, in die Notunterkunft. Draußen ist es kalt, dunkle Wolken ziehen vorüber. Doch Mohamed strahlt. Und manchmal muss er kichern, wenn er von seinem Abenteuer erzählt.

Mohamed hatte einen Plan, damals in Idlib. Der sollte ihn zuerst 70 Kilometer nach Nordosten führen. Dort liegt Aleppo, das Wirtschaftszentrum des Nordens, die uralte Stadt, Anziehungspunkt für Touristen und Unternehmer. Vor allem aber konnte man dort Deutsch lernen. Denn der Plan war: In Idlib die ersten Semester Jura studieren, parallel in Aleppo einen Deutschkurs besuchen und dann, wenn er in der fremden Sprache sicher wäre, auf nach Frankfurt oder Hamburg. "Da gibt es sehr gute Law Schools und Universitäten", sagt Mohamed. Das Ziel: Anwalt werden, oder besser noch Richter. Da dachte noch niemand an Bürgerkrieg.

Doch am 16. Januar 2013 explodierte der Plan. Mohamed war gerade auf dem Weg zu seinen Prüfungen. Unter dem Arm trug er seinen Laptop, die Gedanken kreisten um Paragrafen und Präzedenzfälle. Da ging die Bombe hoch, direkt vor ihm. Sofort waren Polizisten da, sie drängten ihn und 20 andere junge Leute zusammen. "Wir müssen Deinen Laptop kontrollieren, dauert nur fünf Minuten." Es wurden 84 Tage daraus.

84 Tage Gefängnis. Auf zehn Quadratmetern. Zusammen mit 30 anderen Häftlingen. Muss man mehr sagen? Einen Monat lang suchte seine Familie nach Mohamed. Als sie ihn fand, halfen alle Eingaben nichts. Er blieb in Haft. Warum sie ihn am Ende doch freiließen? "Das geschah einfach so. Sie nannten keinen Grund. Sie sagten: Da war nichts an Deinem Laptop, Du kannst gehen." Nach 84 Tagen.

Erschöpft und ausgemergelt kehrte er heim. Nichts war ihm geblieben, kein Studium, keine Arbeit, kein Geld. Kein Leben. Geh, sagten die Eltern. Die großen Brüder waren schon fort, der älteste, ein Möbelhändler, war mit falschen Papieren nach Deutschland geflogen, der zweite hatte in Istanbul Wirtschaft studiert und unterrichtete jetzt an einer Hochschule in den Niederlanden. Auch die Schwester war weg, sie hatte als Ärztin im Jemen gearbeitet und war vor den Kämpfen dort nach Saudi-Arabien geflohen. Was hielt ihn noch?

300 Dollar hatte Mohamed in der Tasche, als er ins Auto stieg und sich 40 Kilometer in die türkische Provinz Hatay fahren ließ. Von dort ging ein Bus nach Istanbul. Dort hatte er Freunde, bei denen er unterschlüpfen konnte. Mohamed hatte studiert, spricht gut Englisch, lernte schnell Türkisch. Bald arbeitete er in Istanbul als Touristenführer und Dolmetscher. Sein Geld sparte er, gab nur das Nötigste aus. Denn alles Denken kreiste um eine Frage: Wo will ich leben, wo liegt meine Zukunft?

Ja, Mohamed hätte in Istanbul bleiben können. Viele Syrer leben jetzt dort, nicht allen geht es schlecht. Aber die Stadt war nicht sein Ort. "Da war nur Arbeit, zwölf Stunden am Tag, das reichte gerade zum Überleben. Keine Chance, mein Studium zu beenden. Unmöglich, dort gleichzeitig zu arbeiten und zu studieren." Außerdem war er jung, ungebunden und er hatte doch einen Plan für sein Leben. Sollte er sich den nehmen lassen, weil zu Hause Krieg herrscht?