ZEIT ONLINE: Sie fotografieren oft Flüchtlinge, die versuchen, auf die griechischen Inseln zu kommen. Drücken Sie auch in den schlimmsten Situationen auf den Auslöser?

Daniel Etter: Wenn ich bei solchen Situationen nicht fotografieren würde, wäre ich in meinem Job gescheitert. Es geht ja nicht nur darum, dass die Bilder publiziert werden. Das ist die zweite Frage. Zunächst einmal geht es darum, dass ich sie überhaupt mache und fotografiere, was passiert und was ich mitbekommen habe. Wenn ich sage: "Oh, das ist zu schrecklich für mich, ich drücke jetzt nicht auf den Auslöser", dann mache ich meinen Job nicht richtig.

ZEIT ONLINE: Also gibt es keine Situationen, in denen nicht fotografiert werden sollte?

Etter: Natürlich hat ein Vater, der seine zwei Kinder und seine Frau überlebt hat, das Recht darauf, seine Privatsphäre zu wahren. Aber wenn ich in seiner Situation wäre und wüsste, dass sich durch das Bild meines toten Kindes etwas ändern kann, dann wäre das für mich wichtiger als meine Privatsphäre.

ZEIT ONLINE: Bieten Sie alle Fotos, die Sie gemacht haben, den Redaktionen an, oder treffen Sie eine Vorauswahl, damit besonders schlimme Bilder nicht veröffentlicht werden?

Etter: Ich überlasse die Entscheidung, was gezeigt wird, den Redaktionen. Es gibt natürlich Bilder, die einfach zu tragisch sind, die nur einen Schock auslösen. Da ist schon vorher klar, dass ich es auch nicht fotografiere, wenn es keinen besonderen Nachrichtenwert hat.

ZEIT ONLINE: Bemerken Sie einen Trend in den Redaktionen, dass immer schlimmere Bilder gezeigt werden?

Etter: In Deutschland waren die Bilder des Jungen eigentlich auf fast keiner Tageszeitung zu sehen. Das ist in anderen Ländern ganz anders. In Großbritannien waren sie in der Daily Mail auf der Titelseite. Ich verstehe nicht, dass sich Menschen mehr darüber aufregen, dass diese Bilder gezeigt werden, als darüber, dass diese Dinge in Europa passieren.

ZEIT ONLINE: Im Internet werden wir mit unzähligen schrecklichen Bildern konfrontiert. Sind wir mittlerweile so abgestumpft, dass immer schlimmere Bilder gezeigt werden müssen, damit die Menschen noch erreicht werden?

Etter: Diese Bilder gibt es, seit Fotos gemacht werden. Die Reaktionen, die es momentan auf das Bild des Jungen gibt, zeigen ja, dass die Menschen nicht abgestumpft sind. Ich glaube, es ist wichtig, in bestimmten Situationen auch Bilder zu zeigen, die die Menschen schockieren. Es geht ja nicht darum, Leichen bei einem Autounfall zu zeigen. Es geht darum, dass die Menschen sehen, was gerade an Europas Grenzen passiert. Das ist eben die Realität, mit der wir da konfrontiert werden.