"Meine Töchter sind Berlinerinnen" – Seite 1

Ein sanierter Plattenbau in Berlin-Lichtenberg. Hier lebt Familie Sinani aus dem Kosovo, zu siebt in zwei Zimmern einer Erstaufnahmeeinrichtung. In einer Ecke des größeren Raums stehen vier aneinandergeschobene Betten, dort schlafen die fünf Kinder. An der Wand stehen drei schmale Metallspinde und ein Kühlschrank. In den Zimmern herrscht eine fast sterile Sauberkeit, nirgends liegt oder steht etwas herum. Mutter Kimete, 41, hat Äpfel und Lebkuchen auf den Tisch gestellt, gerade ist eine deutsche Freundin zu Besuch. Die Kinder sind an diesem Vormittag alle in der Schule. Anders als seine Frau spricht der 47-jährige Vater Fatmir gut deutsch. Deswegen ist er es, der erzählt.

"Wir sind am 31. Januar mit dem Zug in München angekommen. Zuerst wurden wir in eine Erstaufnahmeeinrichtung in Eichstätt gebracht, aber im April konnten wir nach Berlin weiterreisen. Das hat mich sehr gefreut, denn Berlin kenne ich gut.

Ich habe bereits sieben Jahre hier gelebt, zwischen 1993 und 2000. Damals war ich als Bürgerkriegsflüchtling gekommen. Wir hatten eine eigene Wohnung in Berlin-Schöneweide, meine beiden ältesten Töchter sind hier geboren. Sie sind also gewissermaßen Berlinerinnen. 

Im Jahr 2000 habe ich mich entschlossen, mit meiner Familie in den Kosovo zurückzukehren, freiwillig. Der Krieg war ja vorbei und ich hatte die Hoffnung, dass es im Kosovo nun besser wird, dass es dort für uns eine Perspektive geben würde.

Anfangs war es ganz gut. Es gab sehr viel internationale Hilfe und es gab die D-Mark, das war im Kosovo die eigentliche Währung. Ich bin Koch, zunächst habe ich für die KFOR-Friedenstruppen in Priština gearbeitet. Dort habe ich etwas besser verdient. Doch es wurde immer schlechter, immer mehr Soldaten wurden abgezogen. Ich musste schließlich in einem anderen Restaurant arbeiten, für 300 Euro im Monat.  

Mit der ganzen Familie haben wir im Haus meines Bruders gewohnt. Für zwei Zimmer haben wir ihm hundert Euro Miete bezahlt, 50 Euro mussten wir für Nebenkosten ausgeben. So blieben am Ende 150 Euro für eine siebenköpfige Familie. Das sind etwa 70 Cent pro Tag und Person. Davon kann man auch im Kosovo nicht leben. 

Wenn man zum Arzt geht, kostet das Geld, die Medikamente kosten Geld, auch die ganze Ausstattung, die die Kinder für die Schule brauchen, muss man selber bezahlen. Meine älteste Tochter war sehr gut in der Schule, sie wollte Medizin studieren. Aber dafür muss man entweder jemanden kennen oder wieder Geld bezahlen. Die Korruption ist ein riesiges Problem im Kosovo. Die ganze Politik wird von Familienclans beherrscht, die ihre Ämter nur nutzen, um sich zu bereichern. Auch Nahrungsmittel konnten wir nur die nötigsten kaufen: Brot, Öl, Kartoffeln, Zwiebeln, solche Dinge.

"Da bin ich depressiv geworden"

Im Januar habe ich dann im Fernsehen gesehen, dass sehr viele Kosovaren nach Deutschland gingen. Da bin ich richtig depressiv geworden. Eine Woche lang haben meine Frau und ich hin und her überlegt: Sollen wir gehen oder bleiben? Ich wusste: Für die Kinder wird das nicht leicht, in ein anderes Land zu kommen, eine andere Sprache zu lernen, ihre Freunde zu verlassen. Aber dann habe ich mich entschieden: Wir gehen. Ich hatte einfach keine Hoffnung mehr, dass es im Kosovo jemals besser werden könnte.

Einer meiner fünf Brüder arbeitet bei Europol. Er hat Glück, er verdient etwas besser und konnte uns das Geld für die Reise nach Deutschland leihen, etwa 3.000 Euro.  

"Ich will nicht zurück – niemals"

Jetzt höre ich immer, wir könnten nicht hierbleiben, weil es im Kosovo sicher sei. Es stimmt, dass es im Kosovo derzeit keinen normalen Krieg gibt. Aber das ganze Leben dort ist ein Krieg. Ich weiß, dass die deutsche Polizei mich und meine Familie abholen und zurückbringen kann. Aber was soll ich dann dort machen? Was? Es wird Monate dauern, eine neue Arbeit zu finden, und im Kosovo gibt es keinerlei Unterstützung vom Staat. Wie soll ich meine fünf Kinder durchbringen und ihnen auch noch eine gute Ausbildung ermöglichen?

Im Moment darf ich in Deutschland nicht arbeiten. Aber wenn ich die Erlaubnis hätte, würde ich mir sofort einen Job suchen. Ich würde alles machen, egal was. Ich möchte nicht dem Sozialamt zur Last fallen. Auch meine Frau möchte gerne arbeiten. Alles, was wir uns wünschen, ist eine Perspektive für unsere Kinder.

Nachdem wir in Berlin ankamen, habe ich mich sofort darum gekümmert, dass meine Kinder in die Schule kamen. Vor allem meine zweitälteste Tochter hat schon sehr gut Deutsch gelernt, sie geht jetzt schon in eine normale Schulklasse, nicht mehr in eine für Flüchtlinge. Ich sage meinen Kindern immer, wie wichtig es ist, dass sie die Sprache lernen, sogar zu Hause halte ich sie dazu an, Deutsch zu sprechen. Vielleicht dürfen wir bleiben, wenn meine Kinder gut integriert sind?

"Wir haben schon deutsche Freunde"

Wir haben sogar schon deutsche Freunde gefunden. Ganz zufällig. Auf einer Parkbank setzte sich eine Frau zu mir, sie packte eine Flasche Wasser aus und eine Zitrone, und presste den frischen Saft in ihr Getränk. Ich wunderte mich. "Was ist das?", fragte ich. Sie fand es erst unverschämt, dass ich sie angesprochen habe, hat sie mir später erzählt. Aber dann kamen wir doch ins Gespräch. Jetzt treffen wir uns regelmäßig mit Silvia und ihrem Mann, laden uns gegenseitig ein, unternehmen etwas zusammen. Sie haben uns auch ihren Freunden vorgestellt.

Deutschland ist in meinen Augen ein großartiges Land. Ungarn geht mit Tränengas gegen Flüchtlinge vor, hier gibt es Menschen mit Schildern, auf denen "Willkommen" steht. Die Menschen hier arbeiten viel, auch unsere Sozialarbeiterin. Gestern habe ich sie noch um 19 Uhr auf dem Gang getroffen. Ich wünsche mir, dass aus meinen Kindern tolerante, gebildete, respektvolle Menschen werden – so wie viele Deutsche, die ich erlebe. Aber die Unsicherheit über unsere Zukunft ist sehr quälend. Am 8. Oktober habe ich einen Termin bei der Ausländerbehörde, dann werden wir weitersehen. Ich weiß nur eins: In den Kosovo will ich auf keinen Fall zurück – diesmal nicht mehr.