Mit einer Demonstration in Mexiko-Stadt haben Tausende Menschen an das Verschwinden von 43 Studenten vor genau einem Jahr erinnert. Angeführt von den Eltern der Vermissten, zogen die Demonstranten von der Residenz des Präsidenten Enrique Peña Nieto zum zentralen Zócalo-Platz. Auf Transparenten waren Parolen wie "Staatsverbrechen" oder "Raus, Peña" zu lesen.

Die Studenten eines linken Lehrerseminars waren in der Nacht zum 27. September im vergangenen Jahr verschwunden, nachdem sie mehrere Busse gekapert hatten, um zu einer politischen Protestaktion zu fahren. Laut Angaben des Generalstaatsanwalts Jesús Murillo Karam hatten Polizisten die 43 jungen Menschen in der Stadt Iguala im Bundesstaat Guerrero verschleppt und sie einem Drogenkartell übergeben.

Nach dem ersten Stand der Ermittlungen hatte der Bürgermeister von Iguala den Polizeieinsatz angeordnet, um zu verhindern, dass die Studenten eine Rede seiner Ehefrau störten. Bislang lautete die offizielle Version, die Bandenmitglieder hätten die Studenten getötet und ihre Leichen verbrannt.

Eine unabhängige Expertengruppe hatte aber Zweifel an dieser Version geäußert. Sie sah es unter anderem als unmöglich an, dass so viele Leichen in so kurzer Zeit verbrannt werden könnten. Am Freitag hatten auch Mexikos Behörden den Fall neu bewertet. Die Studenten würden weiterhin als vermisst geführt, erklärte der Staatsanwalt für Menschenrechte, Eber Betanzos.

Die Behörden haben bereits mehr als hundert Verdächtige festgenommen, darunter den damaligen Bürgermeister von Iguala und dessen Ehefrau, mehrere Polizisten sowie vor Kurzem ein führendes Mitglied der Guerreros Unidos. Bislang wurden aber lediglich die sterblichen Überreste eines der Studenten mithilfe von DNA-Tests identifiziert. Ein zweites Opfer wurde nach Behördenangaben "wahrscheinlich" identifiziert. Am Freitag teilten Behördenvertreter mit, dass 60.000 weitere Knochenfragmente untersucht würden.

Auch die Angehörigen der Vermissten zweifeln die offizielle Darstellung des Falls an und fordern, dass endlich anderen Spuren nachgegangen wird. Sie verlangen etwa die Bildung einer Sondereinheit, die sich nur mit dem Fall der 43 Studenten befasst. Bislang hat der Präsident angeordnet, dass eine Sondereinheit der Staatsanwaltschaft für alle 20.000 Vermissten in Mexiko eingerichtet wird.

Politiker und Mafia unter einer Decke?

Der Fall der verschleppten Studenten hatte im vergangenen Jahr weltweit für Aufsehen gesorgt. Die Tat verstärkte die Diskussion über die engen Verbindungen zwischen Politikern, Sicherheitskräften und kriminellen Banden in Mexiko. Außer in Mexiko-Stadt gab es nun auch in anderen Städten des Landes Protestmärsche, darunter in der Hauptstadt von Guerrero, Chilpancingo. Auch in den USA, Argentinien, Frankreich und Spanien gingen Unterstützer auf die Straße. In Mexiko-Stadt kam es am Rande der Demonstration zu vereinzelten gewalttätigen Ausschreitungen.

Die Eltern der 43 Studenten waren am Mittwoch in Mexiko-Stadt eingetroffen und aus Protest gegen die schleppenden Ermittlungen in einen 43-stündigen Hungerstreik getreten. Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto empfing die Angehörigen am Donnerstag zum zweiten Mal in einem Jahr, um ihnen zu versichern, dass die Behörden an der Aufklärung arbeiteten. "Wir stehen auf derselben Seite", sagte er. Die Angehörigen zeigten sich enttäuscht und kündigten an, weiter Druck auf die Regierung auszuüben. "Wir werden uns nicht ausruhen, wir werden ein Stein im Schuh sein", sagte Maria de Jesus Tlatampa, die Mutter eines der Studenten.