Es geht ein Gespenst um in Deutschland, das Gespenst des jungen, fremden Mannes, der in großen Massen in das Land einfällt und einer Herde vor Wut schnaubender Stiere gleich alles nieder rennt, was sich ihm in den Weg stellt. Kein Tag geht vorbei an dem nicht vor diesem Gespenst gewarnt wird, es sei ungebildet, gewalttätig und vor allem für Frauen gefährlich. Dieser junge, fremde Wilde ist das Schreckbild derjenigen, die die Migration als Invasion darstellen wollen.

Es ist höchste Zeit das Image des jungen Mannes aufzubessern. Allzu schwer ist das nicht. Wir müssen unser Augenmerk nur nicht auf das richten, was er in Deutschland noch alles anstellen könnte, sondern auf das, was er in seiner Heimat schon alles angestellt hat.

Der junge Mann hat zum Beispiel eine ganze Reihe von Diktatoren und Autokraten gestürzt, in Tunesien, in Ägypten, in Libyen und auch in dem kleinem westafrikanischen Land Burkina Faso. Er hatte dabei nicht immer Erfolg, wie das Beispiel Syrien beweist, doch immer riskierte er sein Leben. Der junge, wilde Mann ging auf die Straße, wohl wissend, dass ihn auf den Dächern postierte Scharfschützen erschießen könnten, wohl wissend, dass er ins Gefängnis geworfen und auf grausamste Weise gefoltert werden könnte. Er bewies also viel Mut und Todesverachtung. Es ging ihm dabei um eine Zukunft in seiner Heimat, nicht um die Zukunft in einem fremden Land. Er wollte bei sich zu Hause Chancen haben, Teilhabe und Freiheit – und er will es noch.

Das Beispiel von Burkina Faso zeigt gerade in diesen Tagen wie wahr das ist.

Vor ziemlich  genau einem Jahr fegte eine Revolution den in Burkina Faso seit 28 Jahren herrschenden Autokraten Blaise Compaoré aus dem Amt. Die Jugend des Landes führte die Revolution an. Fast die Hälfte der Bevölkerung ist unter 15 Jahr alt. Diese Jugend war und ist wütend, gewiss, aber sie ist unter anderem in der Bürgerbewegung namens Balai Citoyen (Bürgerbesen) bestens organisiert. Die jungen Burkinabe wissen genau, was sie wollen: eine gute, gewählte Regierung, ordentliche Verwaltung, würdevolle Arbeit, Schutz vor Ausbeutung, Transparenz und gleiche Chancen für alle.

Als vor einigen Wochen die Garde des gestürzten Präsidenten eine Konterrevolution einleiten wollte, war es wieder die Jugend Burkina Fasos, die das zu verhindern wusste – und es brauchte dafür viel Tapferkeit, denn die Garde des Präsidenten ist das Morden gewohnt.

Nein, der wilde, junge, fremde Mann, ist kein Furcht erregendes animalisches Wesen wie er im zunehmend furchtsamen Deutschland dieser Tage gerne dargestellt wird. Er ist trotz seiner jungen Jahre eine Persönlichkeit mit einer politischen Geschichte, die von vielen Niederlagen und dem einen oder andern Sieg gezeichnet ist.

Und nun werden einige Leser sagen: "Der Herr Redakteur in seinem Elfenbeinturm täuscht sich gewaltig, er hat sie noch nie getroffen diese ungebildeten, jungen, wilden …"

Doch, lautet die Antwort, ich habe sehr viele von ihnen getroffen und zwar in ihren Heimatländern.

Und nein, ich fand sie nicht alle sympathisch, und nein, es sind nicht alles Helden, und ja, manche halte ich sogar für ziemliche Fieslinge.

Aber alle diese jungen Männer haben wie alle Menschen eine Geschichte. Und diese Geschichte begann lange bevor sie die Grenze von Europa überschreiten mussten.

P.S. Und sollte sich jemand fragen, warum in dieser Kolumne nicht von den Frauen die Rede ist, die in allen Revolutionen eine große Rolle spielen, so geschieht dies aus einem einfachen Grund: Es geht in diesen Zeilen ausschließlich um die Ehrenrettung des jungen, fremden Mannes, weil der derzeit so einen schlechten Leumund hat.