Neulich befand ich mich wieder in einer dieser Situationen. Ich hatte einen Sitzungsraum betreten, in dem ich viele Frauen und Männer nicht kannte. Ich machte also die Runde und begrüßte jeden mit Handschlag. Bei einem der Männer geriet ich kurz ins Stocken. Weil ich mutmaßte, dass er Muslim sei. Sollte ich ihm die Hand geben? Was, wenn er darauf nicht reagiert?

Das passiert mir zwar nicht häufig, aber in letzter Zeit öfter. Auch die CDU-Vizechefin Julia Klöckner machte jüngst diese Erfahrung. Wenn mache meiner "Glaubensbrüder" meine Begrüßungsgeste nicht erwidern, ärgere ich mich. Mir geht dann der immer gleiche Gedanke durch den Kopf: Ich will hier keine Zustände wie in islamischen Ländern! Ich mag die hier geltenden Codes des gesellschaftlichen Umgangs. Ich möchte nicht, dass diese Regeln des höflichen Miteinanders aufgeweicht werden durch Umgangsformen, bei denen nicht der Mensch an sich, sondern sein Geschlecht ausschlaggebend ist. Die Gleichheit von Frauen und Männern ist hierzulande hart erkämpft worden.

Nicht jeder Muslim, der Frauen nicht die Hand gibt, ist frauenfeindlich. Es gibt Muslime, die glauben, gerade auf diese Weise Respekt zu zeigen. Wer mit dem Volksislam aufwächst, hinterfragt kaum Gebote und Verbote, Traditionen und Regeln, sondern befolgt sie brav. Diesen Muslimen nehme ich es nicht übel, wenn sie mir die Hand nicht reichen oder meine Geste nicht erwidern. Denn sie haben gelernt, dass Frauen und Männern sich nicht zu berühren haben, sofern sie nicht verheiratet oder nah verwandt sind.

Probleme bereiten mir hierzulande aufgewachsene und sozialisierte Muslime, die durchaus in der Lage wären, diese Regel zu hinterfragen. Unheimlich sind mir vor allem jene "Hardcore-Muslime", wie ich sie nenne, die das Verbot in einen sexuellen Kontext stellen. Schon in der Berührung der Hände wittern sie eine Sünde, sehen darin eine Vorstufe zum Geschlechtsakt.

Weil ich zwar Muslima, aber nicht sattelfest in der islamischen Theologie bin, habe ich mich nach dem wahren Grund des Berührungsverbots erkundigt. Die Theologen und Islamwissenschaftler geben jedoch ganz unterschiedliche Antworten: Der eine meint, diese Regel lasse sich gar nicht direkt auf den Koran zurückführen, sondern – wenn überhaupt – auf die Überlieferungen aus dem Leben des Propheten. Ein anderer wiederum verweist auf die Sure 17, Vers 32, die vor Unzucht und Ehebruch warne und von orthodoxen Muslimen als Verbot des Handschlags ausgelegt werde. Noch ein anderer vertritt hingegen den Standpunkt, dass es sich um eine nicht mehr zeitgemäße Umgangsform handele und auf den Prophet Mohammed zurückzuführen sei, der Frauen nie die Hand gegeben habe.

Fatwa zum Händeschütteln

Eine Islamwissenschaftlerin wiederum schickt mir schließlich den Link zu einer Fatwa in der erklärt wird, dass einem Mann unter "keinen Umständen erlaubt ist, einer Frau die Hand zu geben, die nicht Mahram ist (das heißt, die nicht in einem Verwandtschaftsverhältnis zu ihm steht, das eine Heirat für immer ausschließt)". Begründet wird das mit einem Hadith. Der Prophet soll gesagt haben: "Es ist besser, dass einer von euch mit einem Eisenstachel in den Kopf gestochen wird, als dass er eine Frau berührt, die er nicht berühren darf." Warum bitte soll das besser sein? Einer der befragten islamischen Theologen erläutert, dass in vorislamischer Zeit Sexualität hemmungslos ausgelebt worden sei; der Prophet Mohammed habe mit diesem Verbot der Promiskuität ein Ende setzen wollen.

Nach dieser Umfrage stellt sich die Frage, ob es im täglichen Miteinander wirklich hilft, zu wissen, warum welche Muslime Menschen anderen Geschlechts nicht die Hand reichen. Um zu entscheiden, ob ich mich der Regel des Berührungsverbots beuge oder nicht, brauche ich jedenfalls keine islamische Quellen und deren Interpretationen. Mich tröstet auch nicht der Hinweis, dass ja auch orthodoxe Juden Frauen nicht die Hand geben.