Das glücklichste Volk der Welt hat eine Straßensperre errichtet. Ich erfuhr davon kürzlich aus den Verkehrsnachrichten, unterwegs zu einem ganz anderen Rechercheziel: Die Radiosprecherin teilte mit, dass Amazonas-Indianer vom Volk der Pirahã einen Baumstamm quer über die wichtigste Durchfahrstraße des brasilianischen Urwalds gelegt hätten. Junge Männer mit Pfeil, Bogen und verwaschener Fußballkleidung zwängen Motorräder, Autos und Holztransporter zum Halten und knöpften ihnen ein kleines Wegegeld ab.

Die Sache interessierte mich, ich legte einen kleinen Umweg ein, um die Pirahã zu treffen. Aber erst mal begegnete ich auf einer Flussfähre fünf nervösen Polizisten, in drei Einsatzfahrzeugen unterwegs, die über ihre zwölfstündige Dienstfahrt in die Tiefen des Waldes fluchten. Am Ende der Geschichte räumten die Polizisten und die Pirahã den Baumstamm dann weg. Alles ist friedlich verlaufen.

Das Pirahã-Volk besteht aus schätzungsweise 450 Eingeborenen, und sie waren mir aus einem Bestseller bekannt: Der US-amerikanische Autor Daniel Everett hatte im Jahr 2008 über Das glücklichste Volk der Welt geschrieben. Everett lebte drei Jahrzehnte lang als Missionar bei den Pirahã und begeisterte sich für ihre Unschuld im Walde: für ihre ungewohnte Wahrnehmung der Welt, in der es keine Zahlen gibt, keine Schilderungen der Vergangenheit, kaum Begriffe für Abstraktes und einen regelmäßigen Dialog mit Geisterwesen.

Everett untersuchte die gesangsartige Sprache der Pirahã, und er stellte ganze Sprachtheorien darüber auf, die an Universitäten diskutiert wurden. Nur seine Missionsbemühungen scheiterten komplett. Als Everett die Pirahã vor einigen Jahren wieder verließ, war er davon überzeugt, dass sie auch ohne das Christentum glücklich sein können.

Geht es um die Mangos?

Und jetzt: die Straßensperre. Man sieht das Lager der Pirahã schon von Weitem, wenn man sich über die staubige Urwaldstraße nähert, es ist gleich unter einer Holzbrücke über dem Maici-Fluss. Etwa 60 Menschen campieren dort am Straßenrand. Ihre Hütten bestehen aus kaum bearbeiteten Ästen und Dächern aus Schilf, in kleinen Töpfen köcheln Fische und Mehl. Ein kleines Wildschwein läuft dazwischen herum. Im Schatten der Bäume liegen Pfeile und Bögen.

Nur Kinder sind keine da: Die halten sich gerade auf der anderen Seite der Brücke auf. Dort steht ein Kiosk, wo Fernfahrer Cola, Chips und Kekse kaufen. Ein Schwarm von Pirahã-Kids steht vor dem Eingang und erbettelt von den Passanten erfolgreich Salz- und Zuckersnacks. "Einmal im Jahr kommen die Pirahã hier vorbei", erklärt Zula, die Kioskbesitzerin. Zula glaubt, die Pirahã kämen wegen der Mangos, die um diese Zeit entlang der Straße reif werden. Danach verschwänden sie für den Rest des Jahres in den Wäldern, wo sie Ameisenbären erlegen, Fische fangen und Festmähler aus Anacondas zubereiten.