Die Frau steht mitten auf dem Platz. Sie hat die Hände in die Manteltaschen geschoben, aus ihrem Rucksack ragt ein langer Stock mit einem Schild, auf das sie geschrieben hat: "Nous sommes Paris", wir sind Paris. Mit diesem Schild sei sie schon den ganzen Tag durch Berlin gelaufen, sagt sie. Sie habe erwartet, dass viele ihr zustimmen würden, sich ihr anschließen.

Aber erst auf dem Pariser Platz findet sie Gleichgesinnte. Am Nachmittag ist es hier zumindest in der Nähe der französischen Botschaft stiller als sonst. Während im Hintergrund die Reisegruppen auf Segways vorbeirauschen, stehen vor den Absperrgittern der Botschaft Hunderte Menschen. Sie reden kaum, sondern wickeln Blumen aus Papier, greifen nach der Hand ihres Nachbarn oder legen Teddybären und selbstgemalte Bilder auf den Bürgersteig. Einer knotet einen Fan-Schal aus dem Stade de France um das Gitter. Viele weinen. Auf einem Pappschild steht in französischer Sprache: "Hab keine Angst, mein Freund. Sie sind wenige, wir sind viele." Darum, sagen viele, seien sie heute hergekommen: Um zu zeigen, dass die Franzosen nicht alleine seien. Und sie selbst ohne Furcht.

Viele haben ihre Kinder mitgebracht, manche den Hund. Paare halten sich an der Hand, umarmen sich minutenlang. Zwei Teenager mit Zahnspange knutschen direkt neben den Übertragungswagen der Fernsehsender, als wollten sie auch damit ein Zeichen setzen.

Nicht alle haben verstanden, was hier los ist

Auch die Frau mit dem Schild will ihre Solidarität mit den Opfern der Anschläge zeigen. Vor allem mit den Müttern, die bei den Anschlägen von Paris ihre Söhne und Töchter verloren haben. "Das kann mir genauso passieren", sagt sie. "Meine Kinder gehen auch zu Rockkonzerten."

Aber nicht alle haben verstanden, was hier los ist. Drei junge Männer stellen sich mit dem Rücken zur Botschaft und werfen sich in Pose für ein Selfie. Nein, dass hier getrauert wird, hätten sie nicht gemerkt. Schrecklich, schrecklich, was in Paris passiert sei. Dann toben sie weiter.

Die meisten aber sind gezielt hierhergekommen. Ein Franzose, der in Berlin lebt, hat seine drei Kinder mitgebracht. Das jüngste ist erst drei Jahre alt. Wie hat er ihnen erklärt, warum sie heute hier sind? "Zunächst habe ich ihnen gesagt, dass in Paris viele Menschen gestorben sind." Aber warum man sie getötet hat, war schwierig zu erklären. "Ich verstehe es ja selbst kaum." Er wolle jedenfalls, dass die Kinder das hier sehen, dass sie "auf dem Laufenden bleiben", wie er es ausdrückt. 

"Im Islam geht es um Menschlichkeit"

Auch Mohamed Amri und seine Frau haben ihre Kinder mitgebracht. Sie halten Schilder in den Händen, auf denen steht: "Wir sind Muslime. Wir sind gegen Terror." Damit stellen sie sich in die Mitte des Platzes, blicken stumm nach vorn und halten die Schilder vor die Brust. Über eine Stunde bleiben sie so stehen, ertragen stoisch das Blitzlichtgewitter und die Fernsehkameras, die sich auf sie stürzen, als sich herumgesprochen hat, dass auch Muslime hier seien.

Mohamed Amri rückt seine kleinste Tochter, die eine weiße Rose in der Hand hält, noch ein Stück nach vorn und sagt: "Im Islam geht es nicht um Terror, sondern um Menschlichkeit. Was Europa gerade für die Flüchtlinge tut, ist ein Ausdruck der Menschlichkeit." Immer mal wieder bildet sich ein Kreis um die Familie, die Menschen zücken ihre Smartphones und applaudieren spontan. Offenbar ist es für viele erleichternd, einen Beweis vor Augen zu haben, dass auch Muslime den Terror ablehnen.