Politischer wird es kaum an diesem Tag – bis auf wenige Ausnahmen. Als sich die Spitze der Berliner SPD samt Regierendem Bürgermeister vor dem Absperrgitter versammelt, um Blumen niederzulegen, schimpfen einige Leute: Die SPD-Fahnen hätte es ja nun wirklich nicht gebraucht.

Noch mehr Aufregung ensteht, als die Polizei plötzlich die Einfahrt der Botschaft absperrt. Eine schwarze Limousine nach der anderen rauscht heran. Aus den Autos steigt das halbe Bundeskabinett: Innenminister Thomas de Maizière, Justizminister Heiko Maas, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Ihre Ankunft wird beklatscht und bejubelt. Als sie nach wenigen Minuten die Botschaft wieder verlassen, ist auch Bundeskanzlerin Merkel dabei. Ein Mann schreit mit sich überschlagender Stimme: "Deutschland gehört den Deutschen, Frau Bundeskanzlerin!" Und aus mehreren Ecken vor dem Absperrgatter ruft es: "Abtreten!"

Die Zwischenrufer werden nicht niedergeschimpft. Empörte Blicke reichen. Sie verschwinden wieder, als hätten sie gemerkt, dass ihnen niemand zuhören wird. Alle scheinen ehrlich zu trauern, kaum jemand wagt es, große Reden zu schwingen. Höchstens wird leise gemurmelt: Was das nun bedeute für Europa?

Auch Notfallseelsorger sind spontan im Einsatz

Es kochen Gefühle hoch an diesem Nachmittag. Männer, die plötzlich an der Schulter ihrer Freundin in Tränen ausbrechen. Jugendliche, die ihre Trauer und ihre Wut mit wasserfesten Stiften an einer Schaufensterpuppe auslassen, die sie dann einfach mitten auf die Straße stellen: "Bloody Bastard" steht darauf, und: "Ihr sagt Tod – wir sagen Leben". Claudia Roth von den Grünen steht vor dem Blumenmeer und weint minutenlang hemmungslos. Niemandem fiele es heute ein, sie zu stören.

Sogar Notfallseelsorger sind spontan im Einsatz – diejenigen, die französisch sprechen, wollten helfen. Tatsächlich würden sie immer wieder angesprochen, sagt einer von ihnen. Fühlen sie sich in der Lage, zu erklären, was genau da passiert ist? Und was nun passieren soll? Sie überlegen einen Moment lang. Danach fragten die Menschen eigentlich gar nicht, sagen sie dann. "Den meisten hilft es schon, einfach kurz darüber zu reden."

Sie singen gemeinsam die französische Nationalhymne

Zeitweilige sind nach Angaben der Polizei rund 2.000 Menschen versammelt. Hunderte sind noch da, als bei Einbruch der Dunkelheit das Brandenburger Tor in den französischen Nationalfarben zu leuchten beginnt. Spontan stimmen einige die Marseillaise an, die Nationalhymne Frankreichs. Der Gesang wird immer lauter, die, die den Text nicht kennen, summen zumindest die Melodie mit.

Danach herrscht Stille. Es gibt keine offizielle Kundgebung, es werden keine Reden gehalten. Die Menschen stehen einfach nur da. Und an diesem Novembernachmittag liegt der Pariser Platz tatsächlich mehr in Frankreich als in Berlin.