Nur 20 Kilometer trennten sie von ihrem neuen Leben. So weit ist der Strand vor Bodrum von der griechischen Insel Kos entfernt. Es ist die kürzeste Verbindung auf dem Wasserweg zwischen der Türkei und der Europäischen Union. Die Ausflugsboote der Touristen brauchen eine halbe Stunde für die Überfahrt. Die lädierten Gummiboote der Schlepper fast doppelt so lange. Das ist der ungefährlichste Weg, um dem Krieg daheim zu entkommen, sagen die Schlepper den Flüchtlingen aus Syrien. Auch Familie Fawakhirjy glaubte an eine kurze Überfahrt, als sie Anfang September im Morgengrauen eines der Boote bestieg. Immerhin schaffen das viele andere, manchmal setzen in einer Woche bis zu 2.000 Menschen auf die Insel über. Doch die Fawakhirjys sollten Kos nie erreichen.

Spätestens seit dem Sommer beschäftigt Europas Gesellschaften und Politiker kaum ein Thema so sehr wie die Flüchtlingskrise. Schätzungsweise 800.000 Menschen sind in diesem Jahr vor allem aus Syrien nach Deutschland gekommen, ein Ende des Zuzugs ist nicht abzusehen.  

Viel ist über die Menschen berichtet worden, die es bis hierher geschafft haben: Wie sie leben, wovor sie sich fürchten, was sie sich erhoffen. Wenig aber wurde über die geschrieben, die es nicht nach Europa geschafft haben. Deren Hoffnung auf ein besseres Leben schon verpufft war, als sie noch auf dem Weg waren. Es sind Geschichten wie die der Familie von Noama Fawakhirjy.

Die Fawakhirjys flohen im Sommer 2012 aus der syrischen Hafenstadt Latakia ins nahe Antakya, einer türkischen Großstadt gleich hinter der Grenze. Latakia gilt als Zentrale des Regimes von Baschar al-Assad und als akute Gefahrenzone für dessen Kritiker.

Auch Noama Fawakhirjy hatte unter der Beobachtung von Assads Spitzeln gestanden, seit sie in Latakia auf der Straße mit regimekritischen Aktivisten mitgelaufen war. Sie hätten ihre Nachbarn nach ihr befragt und ihre Gespräche abgehört, sagt Noama Fawakhirjy am Telefon. Jede Bewegung der jungen Englisch-Lehrerin wurde zum Risiko. Deshalb packten sie, ihre Mutter Majida und die zwei Brüder Adnan und Mohammed ihre Koffer, der Vater blieb zurück.

In der Türkei versuchte sie, unauffällig zu bleiben, sagt sie. "Die Regierung hat ihre Augen überall." Als Syrerin habe sie in der Türkei mit vielen Einschränkungen zu kämpfen. Sie habe eine Aufenthaltserlaubnis für Antakya, dürfe sich aber nicht außerhalb der Stadt bewegen. Sie warte immer noch auf ihre Arbeitserlaubnis und darauf, ein Konto eröffnen zu dürfen. Aber sonst sei das Leben für ihre Familie nach der Flucht aus Syrien erträglich gewesen. Bis zum März 2014.

Da fuhr Noamas Bruder Adnan zurück nach Syrien, nach Kesab, direkt hinter die Grenze. Dort tobten in jenen Tagen Kämpfe zwischen Regierung und Opposition. Adnan wollte nach seinen Bekannten sehen, als er unabsichtlich zwischen die Fronten geriet. Ein Scharfschütze des Regimes traf ihn in den Rücken. Danach waren seine Beine gelähmt. Und er beschloss, mit seiner Mutter und dem Bruder nach Europa aufzubrechen, um dort die notwendige medizinische Behandlung zu bekommen. Noama blieb in Antakya, sie fürchtete das Risiko. Doch abhalten wollte sie die anderen nicht. "Sie hatten keine andere Wahl."

Kos symbolisiert den systematischen Kollaps

Die drei fuhren nach Bodrum, der Halbinsel an der türkischen Küste, um von dort auf die Insel Kos überzusetzen. Kos, einst Sinnbild für die unberührte Urlaubsidylle, steht heute wie kaum ein anderer Ort für den systematischen Kollaps in der Flüchtlingskrise. Tausende warten hier auf ihre Weiterreise nach Athen, schlafen auf der Straße oder in Verschlägen, immer wieder kommt es zu Ausschreitungen zwischen Flüchtlingen und Einheimischen, oft rückt die Polizei mit Tränengas an.

Von all dem erzählten die Schlepper den Passagieren nichts in jener Nacht, als sie das Geld für die Überfahrt kassierten. Von den Fawakhirjys verlangten sie insgesamt 8.000 Euro, viel mehr als sonst für diese kurze Überfahrt. Einer, Adnan, sei ja behindert, sagten die Schlepper zur Begründung, er könne weder schwimmen noch im Notfall das Boot lenken.

Dann drängten sie die Flüchtlinge so hektisch auf das Schlauchboot, dass keiner mehr eine Schwimmweste anziehen konnte. Im Boot der Fawakhirjys waren 15 Passagiere, neun Erwachsene und sechs Kinder. Darunter auch Abdullah und Rihan Kurdi mit ihren Söhnen Alan und Galip. Sie waren aus Kobane vor dem Terror des "Islamischen Staates" (IS) geflohen. Ihretwegen weiß heute die ganze Welt, was in jener Nacht passierte.