Wo Gott ist, da lebt auch der Teufel, sagt die Missionarin. Man sei immer umgeben von guten und bösen Geistern, nur dass ein Christenmensch sie nicht sehen könne – anderes als die Indianer, die hier überall in den Wäldern der Amazonasregion leben.

Margarete Pätkau will aufräumen mit dieser unsichtbaren Geisterwelt. 2006 hat es die gelernte Altenpflegerin aus einer Bibelschule in Breckerfeld in den nordbrasilianischen Amazonaswald verschlagen. Nun zeigt sie den Ureinwohnern den aus ihrer Sicht richtigen Weg. Doch die Widerstände sind enorm, die irdischen und die überirdischen: "Dem Teufel ist es ein Dorn im Auge, wenn ein Mensch ans Licht kommt", erklärt sie. 

Wenn der Teufel sauer ist auf Margarete, dann fühlt sie sich schwach. Dann geht sie rastlos auf und ab. Thrombose-Venen platzen an ihren Beinen. Ein Blitz schlägt in den Computer ein, auf dem sie gerade noch die Bibelkurs-Unterlagen vorbereitet hat. "Diese Arbeit ist nichts für jemanden, der eine labile Psyche hat", sagt Margarete, die Missionarin.

Margarete wohnt in einem Holzhäuschen am Rand der Amazonasstadt Porto Velho, zusammen mit ihrer Kollegin Ester Vénsóg Hery. Ester ist eine gelernte Krankenschwester, schon ihre Eltern waren Missionare. Seit dem Ende der neunziger Jahre ist hier eine kleine Siedlung entstanden, die Deutsche Indianer Pionier Mission. Je nach Aufkommen an Besuchern und kurzzeitigen Helfern aus deutschen evangelischen Kirchengemeinden sind hier etwa zwanzig Personen anzutreffen. Dazu gehört auch die Familie mit den acht Kindern im Nachbarhaus, die kürzlich ihr Planschbecken ausgeliehen hat, als Indianer getauft wurden.

Margarete und Ester stellen Orangensaft auf den Tisch ("von Indianern gepresst") und schalten den Ventilator an. Dann setzen sie sich auf das Sofa mit den vielen Baumwolldeckchen drüber, einträchtig nebeneinander, ihre geblümten Sommerkleider halten riesige Busen. Von abenteuerlichen Flussfahrten berichten die zwei Missionarinnen und von lebensrettenden Einsätzen in letzter Minute, wenn irgendwo eine Geburt schief ging oder ein Stammesmitglied von schweren Fieberattacken geschüttelt wurde. Sie erzählen von der Hitze und den Gefahren im Amazonaswald. So vieles müsse man den Ureinwohnern noch beibringen, klagen sie. "Aber unsere eigenen Vorfahren hatten ja auch keine Ahnung von diesen Dingen", sagt Ester. "Die wussten auch von nichts und lernten anfangs von den Tieren."

Bibelverse zitieren, Brunnen bauen, Shoppingcenter besuchen

Seit es die Missionsstation in Porto Velho gibt, lernen die Ureinwohner von Margarete und Ester. Sie erfahren, dass man Kinder nicht windelweich prügeln darf, sondern nur auf den Hintern klatschen, wo es keinen großen Schaden anrichtet. Nach der Geburt eines Kindes sollte die Frau eine gehörige Zeit lang den Mann von der Bettkante stoßen. Eine einseitige Ernährung rufe Hautkrankheiten hervor.

Indianer, die die Missionsstation besuchen und dort einige Tage lang zu Besuch bleiben, lernen auch Bibelverse zitieren, Nähmaschinen bedienen, Brunnen bauen, Orangensaft einfrieren, aus Amazonashölzern Küchenbretter drechseln. Sogar ein Ausflugstag ist im Programm: "Besuch des Shoppingcenters von Porto Velho". Margarete steht vom Sofa auf, dann rappelt sie hinten in der Küche. Sie kocht Kaffee, backt einen Kuchen auf, brutzelt Frikadellen in der Pfanne. In der Spüle türmt sich das Geschirr. Darüber hängt ein Schild: "Fürchte Dich nicht, glaube mir!"

Ester Vénsóg Hery in ihrer Wohnung in der Missionarssiedlung in Porto Velho © Thomas Fischermann

Die spirituelle Arbeit, sagt Ester, sei natürlich die Wichtigste. Wenn ein Ureinwohner zum Christen werde, wenn er sich befreie von der unsichtbaren Welt der bösen Geister, könne man das manchmal an den Augen sehen. Die Augen seien dann frei von Angst. Andererseits, wendet sie ein, stünden die Ureinwohner nach Bibelkurs und Taufe ebenso auf der Hitliste düsterer Mächte wie die Missionarinnen. Sie müssten sich zu wehren wissen. "Ich habe selber schon mal einen Geist gespürt, der war wie eine Katze, die nachts auf mir rumlief", berichtet Ester. "Da bin ich aufgesprungen und habe gesagt: Im Namen von Jesu Blut, verschwinde!" Das bringt sie im Bibelkurs jetzt schon den kleinen Kindern bei. Das funktioniere eigentlich immer.

Margarete und Ester sind beide nicht verheiratet. "Ich habe Gott stets gesagt, lass niemanden mit mir anbandeln, der mich nicht heiraten will", sagt Margarete, "und später habe ich ihm dann gesagt: Lass es ganz. Der arme Mann, der stünde hier doch völlig unter dem Pantoffel!" Ester sieht die Sache mit den Männern etwas lockerer. "Na ja, wenn noch mal jemand kommt, der mit Indianern arbeiten will ..." sagt sie und lässt den Satz unvollendet. Im Grunde aber findet auch Ester, dass es ohne Männer besser sei in der Missions-WG. Da draußen im Wald, da lebten Stämme unter so harten Bedingungen – da gingen nur sie, die Frauen, hin. "Die Männer haben es bisher noch nie dort ausgehalten", sind sich Margarete und Ester einig.