Eines Abends ging ich früher nach Hause, es war etwa 19 Uhr. Trotzdem fuhr ich wieder an ihrem Elternhaus vorbei, um nach ihrem Auto zu sehen. Ich fuhr an dem Haus vorbei und da stand sie, neben der Straße mit einer Freundin und unterhielt sich mit ihr. Sie erkannte mich und unsere Blicke trafen sich.

Ich sah sofort die Angst in ihren Augen. So hatte ich sie noch nie erlebt. Ich fuhr schnell davon.

Ich entschied mich danach, nur noch nachts an Annas Haus vorbeizufahren, um sicher zu sein, dass niemand mehr unterwegs wäre.

Monate vergingen. Ich schrieb ihr kaum noch SMS, höchstens an ihrem Geburtstag, eine Antworte bekam ich nie. Ich legte mir einen zweiten Facebook-Account an, um Anna beobachten zu können. Sie war dort aber nie aktiv, also war das quasi für die Katz. Langsam bekam ich das Gefühl, alles verarbeitet zu haben. Bis vor ein paar Tagen.

Ich hatte Anna bestimmt schon zehn Monate nicht mehr gesehen, ich war mit meinen besten Kumpels in einer Bar, wir waren alle betrunken. Ich trank immer besonders viel, um den Mut zu finden, Mädchen anzusprechen, was ich mich nüchtern niemals traute. Ich wollte mit aller Macht eine neue Freundin finden, um Anna vergessen und einen neuen Lebensabschnitt beginnen zu können. Inzwischen habe ich eine Affäre mit einem Mädchen aus München, ein nettes Mädel, aber aus verschiedenen Gründen wird da niemals mehr werden.

Es war mittlerweile halb zwei Uhr nachts. Meine Kumpels und ich standen herum und plötzlich sah ich sie da stehen: Anna. 

Sie stand da und unsere Blicke trafen sich. Ihre Angst war fast greifbar, da gab sie ihrem neuen Freund einen Kuss, ich weiß nicht, was sie damit bezwecken wollte.

"Das ist meine größte Angst"

Ich war total überfordert mit der Situation, ging zu ihrem Freund und packte ihn mir und unterhielt mich mit ihm. Was genau wir besprachen, weiß ich aber nicht mehr. Gott sei Dank bewahrten mich meine Kumpels davor, größeren Schaden anzurichten. Kurz darauf packte mich mal wieder der Türsteher und schmiss mich raus.

Wir gingen nach Hause. Ich konnte es aber nicht darauf beruhen lassen. Ich schrieb Anna nach langer Zeit wieder eine SMS, sagte ihr, sie werde das alles bereuen.

Ihrem Freund schrieb ich noch am selben Abend auf Facebook und sagte ihm, ich würde ihn schon noch erwischen. Ich schrieb außerdem Annas Schwester und ihrer besten Freundin. Ich sagte ihr, sie solle Anna ausrichten, dass sie das alles noch bereuen werde.

Ich ging davon aus, dass Anna auch meine SMS blockiert haben würde und dachte, meine Nachrichten kämen sowieso nicht bei ihr an. Bis ich gestern erfuhr, dass sich die Polizei nach mir erkundigt hatte.  

Als ich heute selbst auf die Polizeiwache fuhr, sagte man mir, dass gegen mich eine Anzeige wegen Stalkings vorliege. Der Polizist sagte zu mir, es sehe nicht gut für mich aus. Stalking würde mittlerweile sehr streng geahndet. Dabei habe ich für so etwas momentan keinen Kopf. Nächste Woche beginnen meine Prüfungen, mein Studium steht auf der Kippe. Ich habe keine Rechtsschutzversicherung und bin finanziell nicht in der Lage, mir einen Anwalt zu nehmen.

Ich fing an zu heulen. Ich wollte nie, dass es soweit kommt, das war nie meine Absicht. Ich wünsche Anna trotz allem von ganzem Herzen nur das Beste für ihre Zukunft. Sie ist für mich nach wie vor das schönste, humorvollste und beste Mädchen auf dieser Welt. Ihre Art und ihr Charakter sind einzigartig. Außerdem sieht sie wahnsinnig toll aus. Meine größte Angst ist es, dass ich nie wieder so eine tolle Freundin haben werde.

Ich bin Türke und möchte gerne eine deutsche Freundin, was schon nicht sehr leicht ist. Gerade in diesen Zeiten überlegt sich ein deutsches Mädchen doch genau, ob sie einen Moslem als Freund haben möchte. Als ich dann wirklich mit Anna zusammen war, konnte ich mein Glück kaum fassen. Ich war der glücklichste Mensch auf der Welt.

Ich denke, dass ich nie wieder eine so außergewöhnliche Freundin haben werde. Das ist meine größte Angst.

Ismail Okur ist ein Pseudonym. Sein echter Name ist uns bekannt. Der vorstehende Text beruht auf Angaben des Autors und wurde von der Redaktion nicht überprüft. Zum Schutz der Personen haben wir alle persönlichen Angaben verfremdet.