"Ich bin sehr enttäuscht von dem Schutz, den der deutsche Staat bietet und den Umständen, die das Opfer auf sich nehmen muss, damit überhaupt etwas passiert. Der Stalker hat das Potenzial, das soziale und berufliche Leben sowie die psychische Gesundheit des Opfers massiv zu beeinträchtigen. Ich muss mit allgemeiner innerer Unruhe und Flashbacks beim Anblick ähnlich aussehender Frauen oder an bestimmten Orten kämpfen. Bis heute bin ich nicht in der Lage, eine neue Beziehung einzugehen."

Psychologen zufolge kann Stalking zu einer posttraumatischen Belastungsstörung führen. Fast alle Opfer schreiben von Angststörungen oder Depressionen, viele ziehen sich aus ihrem sozialen Umfeld zurück. Manche wechseln die Telefonnummer, die Adresse oder sogar den Wohnort. Oft dauern die Belästigungen sehr lange an. Manche Leser berichten von 15, 17 und sogar 29 Jahren Leiden. In  zwei Fällen endet das Stalking nach mehreren Jahren nur, weil der Täter bei einem Unfall stirbt.

Eine Frau wird von einer anderen Frau aus Eifersucht gestalkt: Sie hatte mit deren besten Freund eine Affäre. Die Stalkerin terrorisiert sie mit Anrufen und beleidigenden SMS. Als sie sich auf der Straße begegnen, spuckt sie der Frau ins Gesicht und folgt ihr bis vor ihre Haustür. "Ich ging in dieser Zeit fast täglich zu meinem Psychiater. Ich fühlte mich unheimlich unter Druck, Dauerstrom, Panik. An Schlafen war kaum zu denken. Die Rollläden waren durchgehend nach unten gelassen. Ich verbarrikadierte mich, soweit es ging. Wo ist sie? Wann kommt sie? Weiß sie, wo ich bin?"

Der Rat ihrer Freunde verunsichert sie. "Jeder sagte etwas anderes. Freunde und Bekannte, Familie. Die hört schon auf. Steiger dich da nicht so rein. Nerv sie halt zurück. Pass bloß auf dich auf. Wechsel die Handynummer. Versuch, dich mit ihr auszusprechen. Gib ihr halt was sie will, lüg halt." Sie sucht sich Beratung beim Weißen Ring. Anschließend entschließt sie sich dazu, ihre Stalkerin zu ignorieren. In ihrem Fall hilft es. Nach einigen Monaten endet das Stalking.

Aus den Täterberichten lässt sich ablesen, dass Stalking nicht nur das Leben der Opfer beherrscht, sondern auch das der Täter. Ihre Motive beschreiben sie als  grundmenschlich: Eifersucht, Leidenschaft, Rache. Während des Stalkings fehlte ihnen offenbar ein Schuldbewusstsein. Die drei Stalker, die uns geschrieben haben, sind alle männlich. Eigenen Angaben zufolge sind sie sich ihrer Taten erst bewusst geworden, als das Opfer das Stalking zur Anzeige brachte. Zwei von ihnen haben sich in psychologische Behandlung begeben.

"Wie im Wahn"

Ein 23-jähriger Mann mit schlechtem Abitur erzählt uns von seinem Umzug in eine Universitätsstadt: "Ich war sicher einer dieser Klischee-Einzelgänger und Ausgestoßenen, der alles das, was vermeintlich gesunde Kinder von ihren Eltern, Freunden und auf Partys gelernt haben, eben nicht gelernt hat. Mein Leben war leer und langweilig, ich hatte keine Ambitionen und war chronisch depressiv." An der Universität trifft er eine Frau seines Alters und hält sie für die Liebe seines Lebens. Aber die Frau erwidert seine Gefühle nicht.

"Ich musste sie, wie im Wahn, so oft sehen wie möglich." Er besucht dieselben Kurse wie sie, überwacht ihre Aktivitäten. Folgt ihr zum Essen, in Bars und Discotheken. "Sie wollte Rettungsschwimmerin werden und die Grundausbildung beim THW machen und ich jetzt auch. Ich war morgens vor ihrer Tür und abends. Nicht jeden Tag, aber fast jeden. Die meisten Nächte konnte ich nicht schlafen. Heute weiß ich, dass sie das auch nicht konnte. Sie dachte, ich warte draußen auf sie."

"Nach langer, intensiver therapeutischer Hilfe und mit viel Zeit und Abstand fange ich an zu verstehen, was damals die Auslöser für mein unverzeihliches Verhalten war. Heute bereue ich mein Verhalten unendlich. Ich freue mich sehr, dass Sie das Thema Stalking auf Ihrer Website so ausführlich behandeln und bin selber Unterstützer der Petition zur Verschärfung des Nachstellungsparagrafen §238 StGb. (der Straftatbestand soll demnach auch dann greifen, wenn die Nachstellung die Lebensgestaltung des Opfers beeinträchtigen könnte, Anm. d. Red.)."

ZEIT ONLINE hat aus den Einsendungen zwei Beiträge ausgesucht, die die Perspektive der Opfer und Täter besonders eindringlich beschreiben: Eine Frau erzählt uns, wie sie fast 30 Jahre von einem Fremden verfolgt wird. Und ein Mann beschreibt, wie er seiner Ex-Freundin so lange auflauerte, bis sie zur Polizei ging. Wir bedanken uns bei allen, die mit uns ihre Erfahrungen geteilt haben.